
Zwischen 1977 und 1984 veröffentlichte Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman fünf frühe Romane, die für Horror-Fans unserer Generation zum Kult geworden sind: Amok (1977), Todesmarsch (1979), Sprengstoff (1981), Menschenjagd (1982), Der Fluch (1984).
Erst viel später veröffentlichte Bachman zwei weitere Bücher: Regulator (1996) und Qual (2007). Regulator fand ich so lala, Qual kenne ich nicht. Aber die alten Bachmans habe ich verschlungen, zumindest jene, die ich in die Finger bekommen habe.
Dank des Sci-Fi-Action-Films The Running Man von 19
In einer dystopischen Zukunft regiert in den Staaten eine autoritäre Militärregierung. Um die Bevölkerung zu neuen Leistungen zu motivieren und zu unterhalten, wird alljährlich ‚Der Lange Marsch‘ veranstaltet. Alle jungen Männer dürfen sich dafür bewerben, aber nur 50 Bewerber können die glücklichen Teilnehmer sein. Ray Garraty gehört in diesem Jahr zu den leuchtenden Vorbildern einer ganzen Nation. Nach einem tränenreichen Abschied von seiner Mutter schreitet er der Startlinie entgegen, wo bereits weitere Mitbewerber warten. Unter ihnen Peter McVries, Hank Olson und Arthur Baker, mit denen er später den Freundschaftsbund der Musketiere gründen wird.87 mit Arnold Schwarzenegger ist Menschenjagd sicher Bachmans bekanntestes Werk, obwohl der Film sehr wenig mit dem Buch zu tun hat. The Running Man ist 2025 neu verfilmt worden. Den Film kenne ich noch nicht. Daher kann ich nicht aus erster Hand sagen, ob er an Bachmans Geschichte, oder an die Version von 1987 herankommt.
Auch Der Fluch wurde 1996 verfilmt. Thinner – Der Fluch war ganz nett und näher dran, an dem Roman als The Running Man, aber trotzdem gefiel mir das Buch wesentlich besser.
Mit The Long Walk – Todesmarsch erhalten wir nun einen Film von dem einzigen frühen Bachman-Werk, das ich nicht gelesen habe. Von dem her kann ich den Film nicht dem Buch gegenüberstellen, aber eins muss ich vorab schon loswerden: Im Buch soll der Major, so wurde mir erklärt, die mächtigste Person des Landes sein, ähnlich wie Präsident Snow, in Die Tribute von Panem. Diesen Eindruck hinterlässt der Film-Major nicht auf mich. Aber das nur nebenbei angemerkt.
Achtung! Hier wird es zu Spoilern kommen!

Handlung
In einer dystopischen Zukunft regiert in den Staaten eine autoritäre Militärregierung. Um die Bevölkerung zu neuen Leistungen zu motivieren und zu unterhalten, wird alljährlich ‚Der Lange Marsch‘ veranstaltet. Alle jungen Männer dürfen sich dafür bewerben, aber nur 50 Bewerber können die glücklichen Teilnehmer sein. Ray Garraty gehört in diesem Jahr zu den leuchtenden Vorbildern einer ganzen Nation. Nach einem tränenreichen Abschied von seiner Mutter schreitet er der Startlinie entgegen, wo bereits weitere Mitbewerber warten. Unter ihnen Peter McVries, Hank Olson und Arthur Baker, mit denen er später den Freundschaftsbund der Musketiere gründen wird.
Doch zu Beginn stellen sie sich erst einmal vor, während Soldaten mit Gewehren bereitstehen, um den Marsch zu flankieren. Dann erscheint der Major, der oberste Befehlshaber. Er erklärt den Jungen die Regeln: Es gibt keine Ziellinie. Der Marsch endet, sobald nur noch ein Teilnehmer übrig ist. Wird die Mindestgeschwindigkeit von drei Meilen pro Stunde unterschritten, gibt es eine Verwarnung. Nach der dritten Verwarnung bekommt der entsprechende Teilnehmer sein ‚Ticket‘. Das heißt, er wird erschossen. Dem Sieger winkt nicht nur ein Leben im Reichtum, sondern es wird ihm auch ein beliebiger Wunsch erfüllt, solange der Wunsch nicht die Ordnung des Staates zerstört.
Nach dieser Einführung hält der Major noch eine feurige Motivationsansprache, dann geht es los …

Kein Spaziergang!
Unweigerlich drängen sich gleich zu Beginn ein paar Fragen auf, allen voran, wie es mit der Notdurft aussieht, mit dem Schlaf und mit dem Essen. Keine Sorge! Diese Fragen werden alle beantwortet, auch wenn die Antwort teilweise sehr unangenehm anzusehen ist, gerade was das Verrichten der Notdurft betrifft.
Es mag noch einigermaßen heiter zugehen, wenn Peter sich umdreht, um unter den Flüchen seiner Mitgänger, im hohen Strahl zu pinkeln. Etwas unappetitlicher wird es, wenn einer der Teilnehmer Durchfall bekommt und die Kamera voll auf diesen Strahl draufhält, während der so vom eigenen Körper Gepeinigte wimmert und flucht, und die Soldaten ihm die Gewehrläufe vor den Kopf halten.
Extreme Situationen während des Marsches gibt es immer wieder. Schonungslos wird gezeigt, wie die Jungen an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gehen, und nach der ersten Nacht fragt sich der Zuschauer, wie lange Menschen das durchhalten können.
Der Körper wird zum Gegner. Zugleich zeigt er, was er auszuhalten vermag, wenn es darum geht, ihn am Leben zu halten. Stuhlgang, Krankheit, Krämpfe, das Dahinvegetieren eines abstumpfenden Geistes, der nur im Gehen schlafen kann. Tag für Tag, Nacht für Nacht. So geht das über 300 Meilen (ca. 480 Kilometer) lang.
Irgendwann führt der Todesmarsch über eine steile Wegsteigung. Das Jammern der Jungen vermischt sich mit den Todesschüssen der Soldaten. Trotzdem schaffen einige Jungen auch diese Strecke.
Der Todesmarsch selbst ist die große Stärke des Filmes. Auch, dass der Titel erst nach der ersten Hinrichtung, also nach knapp 20 Minuten, erscheint, ist inszenatorisch gut gemacht und stimmt auf den weiteren Verlauf der Geschichte ein.

Die Schauspieler
Eine weitere Stärke sind die kraftvollen Leistungen der Schauspieler. Mark Hamill macht als Major, der den tödlichen Marsch organisiert und auf seinem Jeep begleitet, eine wirklich gute Figur. Ob der Major eine ebenso gute Figur hinlegen würde, wenn er diese Strecke wie die Jungs marschieren müsste, das hätte ich gerne gesehen.
Leider ist der Major das einzige relevante Gesicht des Militärs. Die begleitenden Soldaten verkommen zur Staffage.
Neben Cooper Hoffman, der als Ray Garraty überzeugt, spielt David Jonsson den gutherzigen Peter McVries. Jonsson hat eine sympathische Ausstrahlung, und er war der einzige, der mir bei Alien: Romulus in Erinnerung geblieben ist. Da spielte er den Androiden Andy. Ich habe ihn gerne hier, in The Long Walk, wiedergesehen.
Besonders gefreut habe ich mich, als ich bemerkte, dass auch Ben Wang mit von der Partie ist, hier als Hank Olson. Wang war der neue Karate Kid in Karate Kid: Legends und hat mir dort wirklich Spaß gemacht.
Auch die anderen jungen Schauspieler haben ihre unterschiedlichen Rollen proper beherrscht, sodass ich jedem seinen Charakter abnehmen konnte, auch wenn den meisten Figuren die Tiefe fehlt.
Judy Greer verkörpert Rays Mutter. Sie ist vor allem Halloween-Fans bekannt. Ich bekomme immer einen Stich, wenn ich diese etwas ausstrahlungsarme Schauspielerin sehe, denn in der neuen Trilogie spielt sie Laurie Strodes Tochter. Eine Rolle, in der ich viel lieber Danielle Harris gesehen hätte. Wo ist der Fanservice, wenn man ihn mal braucht? Halloween-Fans wissen, was ich meine.
In dieser Rolle geht Judy Greer aber absolut klar. Sie gibt die verzweifelte Mutter authentisch wieder.
Schauspiel und Inszenierung sind also meiner Ansicht nach top. Aber es gibt auch Dinge, die mir nicht so gut gefallen.

Eine regelrecht tote Welt
Leider hat es das Worldbuilding kaum über die Startlinie geschafft. Der Marsch ist einsam. Sehr einsam! Die Jungen spazieren durch freie Fluren, Wiesen und Heiden, ohne groß auf Menschen zu treffen.
Hier mal salutierende Polizisten, dort eine blonde Frau vor der Kirche, die Kamera fängt einen teilnahmslosen Kettenhund ein. Da ist noch ein einsames Teenie-Mädchen, das Ray ihre Liebe zujubelt, weil der aus dem Staat ist, in dem der Marsch stattfindet. Alle Passanten treten sehr übersichtlich und vereinzelt auf. Die Geschichte erklärt das damit, dass der Major bis zur letzten Etappe keine Zuschauer zulässt, wahrscheinlich damit die Produzenten sich Komparsen sparen können, denn wirklich schlüssig ist diese Entscheidung für mich nicht.
Man stelle sich eine Sportgroßveranstaltung vor, die wichtigste Veranstaltung des Jahres in den Staaten, den Super Bowl, oder für diesen Vergleich besser geeignet, den New York Marathon, ohne Zuschauer. Eigentlich undenkbar. Wenn das auch im Buch so steht, hätte es der Film besser machen müssen.
Aber selbst in Städten ist nicht viel los. Als Ray seine Heimatstadt erreicht, steht dort seine weinende Mutter – allein auf weiter Straße. Kurz vor dem Ende des Marsches, also vor dem vermuteten Ziel, kommen ein paar Menschen zusammen, aber nicht genug, um Stimmung für ein jährliches Großereignis zu erzeugen, das die Menschen unterhalten und für ein weiteres Jahr zu Höchstleistungen motivieren soll.
Zwar ist während des Marsches zumindest das Fernsehen zugegen. Aber was sieht man davon? Eine Kameralinse lugt aus dem Panzer.
Hier hat man am falschen Ende gespart. Diese Entscheidung begreife ich nicht. Die Welt von Running Man mit Schwarzenegger ist deshalb so lebendig, weil die Straßen voller Zuschauer sind. Auch das Studio ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Man hat gegrölt, gejubelt, gelitten, Wetten abgeschlossen. Genesungswünsche für Dynamo (einen Jäger) wurden vorgelesen, die toten Jäger wurden geehrt. In vielerlei Hinsicht ist The Long Walk – Todesmarsch der bessere Film, aber hier versagt er völlig. Die Tribute von Panem hatten ihre Zuschauer, die stellvertretend für uns mit Katniss Everdeen litten. Oder man stelle sich vor, Die Truman Show würde laufen, ohne auch nur einen einzigen Zuschauer zu zeigen.
In The Long Walk – Todesmarsch erleben wir eine ausgestorbene Welt, die allein schon deshalb keiner Inspiration bedarf, weil sie keine Inspiration wert ist. Das wiederum macht den Marsch völlig überflüssig.
Kleinere Dinge, die mich ebenfalls stören
Auch aus den Soldaten hätte man mehr als begleitende Schaufensterpuppen machen können. Es werden gewissenlose Maschinen gezeigt, die ohne Reue ihren Dienst tun. Keiner hat auch nur ansatzweise ein Problem damit, teilweise minderjährigen, vollkommen erschöpften und zutiefst verzweifelten Jungen regelrecht die Schädel wegzublasen, oder einen Jungen einen Bauchschuss zu verpassen, damit der elendiglich krepiert. Wo kämen wir denn da hin, wenn man bequem aus dem Marsch aussteigen könnte, weil man einen Kopfschuss provoziert?
Klar! Gerade solcher Menschenschlag wird natürlich als Begleitung ausgewählt. Trotzdem hätten hier Gewissenskonflikte bei ein, oder zwei Soldaten der Story gutgetan, um mehr Dramatik und Authentizität zu schaffen.
Auch, dass gegen Ende des Marsches, also nach über 300 Meilen, in mehreren Tagen am Stück zurückgelegt, noch stellenweise viel gesprochen wird, kommt mir komisch vor.
Natürlich muss der Film die Geschichte durch Dialoge weitererzählen. Trotzdem wirkt es unnatürlich, wenn im Grunde zu Tode erschöpfte, geistig schwer gezeichnete junge Männer immer noch plaudern, als würden sie durch Tante Pipenbrocks Garten schlendern.
Diese kleineren Kritikpunkte sind aber schon Jammern auf hohem Niveau.

Fazit
Denn im Prinzip ist The Long Walk – Todesmarsch ein gelungener dystopischer Thriller, der eine aus dem Ruder gelaufene Gesellschaft zeigt. Mit der fadenscheinigen Begründung, man wolle das Land anspornen und unterhalten, werden 49 junge Menschen (im Buch sind es 99) zu Tode gequält. Das Perfide ist, dass die Teilnahme an dem Marsch eigentlich freiwillig sein soll. Aber wie Ray Garraty so richtig erkennt: Wenn sich jeder bewirbt, ist die Teilnahme dann wirklich freiwillig?
Es ist ein System der Heuchelei und Lügen. Denn die Helden, die der Major in den Jungen sehen möchte, existieren nicht. Stephen King war 19 Jahre alt, als er die Geschichte geschrieben hat. Er schrieb sie zu einer Zeit, als der Vietnamkrieg tobte. Die Geschichte ist geprägt von den Gedanken eines jungen Autors, der über die Sinnhaftigkeit bedingungsloser Gefolgschaft gegrübelt hat. Trotzdem ist die Botschaft auch heute noch aktuell.
The Long Walk – Todesmarsch ist auf Blu-ray und DVD erhältlich.
Originaltitel: The Long Walk. Science-Fiction, Dystopie, Thriller. USA 2025. 108 Minuten. Regie: Francis Lawrence. Drehbuch: J. T. Mollner. FSK 16
Bildquelle: © LEONINE Studios
