Michael Sagenhorn/ April 8, 2024/ Kino und Film/ 0Kommentare

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Im Roman Die unendliche Geschichte ist der Titel Programm, weil Autor Michael Ende in seiner Geschichte regelmäßig auf weitere Geschichten verweist: „…doch dies ist eine andere Geschichte, und soll ein andermal erzählt werden…“
Auf diese Weise erhalten wir tatsächlich eine ‚unendliche Geschichte‘, weil wir annehmen dürfen, dass auch diese ‚anderen Geschichten‘, über die gleichen Verweise verfügen.

An Endes Verweis musste ich denken, als sich mir Anfang dieses Jahres die Programmvorschau zu kommenden Filmen betrachtet habe. Die Film-Vorschau für 2024 hat mich zu diesem Artikel inspiriert. Gefühlt scheint das Kinojahr 2024 nur noch aus Fortsetzungen zu bestehen, wobei ich auch Prequels oder Spin-Offs als Fortsetzungen betrachte, da sie das jeweilige, bereits etablierte Film-Universum ergänzen, ganz gleich in welchem Zeitraum die Geschichten spielen.

Um zu verdeutlichen was ich meine, stelle ich eine Liste von Filmen vor, deren Kinostart für 2024 geplant ist. Da ich mit diesem Bericht hinterherhänge, sind manche davon sicher schon angelaufen:

Animation:
Ich – einfach unverbesserlich 4, Alles steht Kopf 2, Kung Fu Panda 4

Horror / Action:
Saw XI, Smile 2, Das erste Omen, Badboys 4, Ballerina (John Wick – Spin Off), Beverly Hills Cop: Axel F

Science-Fiction:
Planet der Affen: New Kingdom, Alien: Romulus, A Quiet Place: Day One, Furiosa: A Mad Max Saga

Fantasy / Sonstiges:
Ghostbusters: Frozen Empire, Godzilla X Kong, Beetlejuice 2, Gladiator 2, Deadpool 3, Joker 2, Venom 3, Mustafa: The Lion King

Diese Liste ist jedoch nur ein Auszug. Es fehlen auch Remakes oder Filme, die von vornherein als Mehrteiler geplant waren, und deren Handlung in Teil 1 demnach noch nicht auserzählt worden ist, z.B. Dune 2.
Trotzdem fühlt es sich für mich an, als würden Fortsetzungen die Zukunft des Films immer mehr bestimmen.

Sind Fortsetzungen nur eine kreative Bankrotterklärung?

Gibt es keine Ideen mehr, für völlig neue Geschichten? Oder hat man Angst davor, bereits bestehende, aber bisher unbekannte Geschichten zu verfilmen? Besonders im Blockbuster-Kino scheint der Mut Neues zu wagen, verloren gegangen zu sein.
Irrsinniger Weise treten in jüngster Zeit besonders bei etablierten Franchises Flops immer häufiger auf, obwohl es hier wichtig wäre, Kohle und Kasse zu machen. Trotzdem bleibt man fröhlich beim eingeschlagenen Kurs in die nächste vorprogrammierte Kosten-Katastrophe. Eigentlich wäre es doch gerade jetzt an der Zeit, die Filmlandschaft mit frischen Ideen neu aufzurollen.
Aber das sture Beharren auf bereits bewährte Geschichten ist nicht der einzige Grund für Filmfortsetzungen. Manchmal produziert man auch Fortsetzungen, weil man die Rechte an dem entsprechenden Franchise nicht verlieren möchte. So dreht Sony Pictures immer wieder Filme zum Spider-Man Universum – ohne Spider-Man! – auch um die Rechte an Spider-Man nicht zu verlieren. Waren die Venom-Filme noch ein kleiner Erfolg, wirkte Morbius und gerade der jüngste Vertreter Madame Web wie ein verzweifeltes Klammern an eine Marke, mit der man nichts mehr anzufangen weiß. Höchstwahrscheinlich wird auch der Film über einen der berüchtigtsten Gegner Spider-Mans, Kraven the Hunter, der im August 2024 anlaufen soll, sich hier einreihen.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Hellraiser-Reihe. Der damalige Rechteinhaber Dimensions Films drehte seinerzeit billigen Schund, der gar nichts mit den grandiosen ersten beiden Teilen zu tun hatte, nur um die Rechte behalten zu dürfen. Für die Horror-Serie hatte das fatale Folgen. Sie stürzte ab, von einer der düstersten, kultigsten Horrorfilmreihen, zu absolutem Trash. Das US-Urheberrechtsgesetz hat es jedoch bewirkt, dass im Dezember 2021 die Rechte an den Schöpfer Clive Barker zurückgegeben wurden. Endlich! Die Horror-Reihe hat sich jedoch nur bedingt erholt. Der neueste Film Hellraiser – Das Schloss zur Hölle, hat meiner Ansicht nach ein paar gute Ansätze, und steht weit über dem Schund der vergangenen Jahre, kommt aber an die ersten beiden Teile nicht ran.

Ein anderer, naheliegenderer Grund für Fortsetzungen ist natürlich, wenn der erste Teil große Erfolge, vor allem Box-Office-Erfolge feiern konnte, aber auch wenn Filme auf Streamingdiensten gut laufen. Heutzutage werden nicht nur Serien, sondern auch Filme zum großen Teil für Streamingdienste gedreht, um deren Hunger nach neuem Content zu stillen. Streamingdienste sind zu wahren Content-Fließband-Fabriken mutiert, um neue Konsumenten anzulocken.

Die Hemmungen Fortsetzungen zu drehen sind heute spürbar gesunken. Warum etwas Neues wagen und einen Reinfall riskieren, wenn man auf altbewährte Kassenschlager setzen kann? Ist das vielleicht der Grund, warum wir nach 24 Jahren einen Gladiator 2 bekommen, oder nach 36 Jahren Beetlejuice 2? Bei so einer Zeitspanne spielt auch der Nostalgiefaktor eine entscheidende Rolle. Dass Nostalgie ein mächtiges Mittel ist, Zuschauer auf Filme einzuschwören, merke ich an mir selbst sehr deutlich: Im Gegensatz zum weitläufigen Geschmack der Zuschauer, ist für mich Mad Max 3 – Jenseits der Donnerkuppel, immer noch der Beste der Reihe, trotz eines furiosen Mad Max: Fury Road, und auch der neue Streifen Furiosa: A Mad Max Saga wird vermutlich nichts daran ändern.

Mad Max 3 ist weniger brutal als seine beiden Vorgänger, bietet eine abwechslungsreichere Story, und hat neben einem gebrochenen Protagonisten, auch endlich einen Antagonisten, der nicht so platt ist, wie die Burschen davor, die einfach nur typisch böse Schreihälse waren.

Sängerin Tina Turner hat eine überraschend gute und charismatische Figur als Mad Max‘ Gegenspielerin gemacht, Mel Gibson war sowieso spitze. Der Soundtrack geht richtig gut ins Ohr, allen voran die Songs von Tina Turner „We Don’t Need Another Hero“ und „One of the Living“. Mad Max 3 war ein Kind seiner Zeit – er war ein Kind meiner Zeit. Nostalgiepunkte wie diese wissen heutige Marketingspezialisten geschickt zu nutzen, um zu versuchen alte und neue Generationen gemeinsam in die Filmsäle zu locken, wie es aktuell gerade beim neuen Ghostbusters der Fall ist.

Aber nicht immer machen Fortsetzungen inhaltlich Sinn.

Noch gut habe ich das Ende von Der Terminator vor Augen. Nach ihrem überstandenen Abenteuer mit dem Terminator reist Sarah Connor, inzwischen schwanger mit dem Retter der Menschheit, nach Mexiko. Ein Junge macht schnell ein Foto von ihr. Dann rast Sarah mit ihrem Jeep einem aufziehenden Gewittersturm entgegen. Der Abspann setzt ein – Sensationell!
Diese letzte Szene hat mir Gänsehaut beschert. Man spürt als Zuschauer die dunkle Bedrohung, die in der Zukunft lauert, aber auch die in Sarah heranwachsende Hoffnung, verschmolzen mit dem ikonischen Soundtrack von Brad Fiedel. Hier habe ich einer Fortsetzung entgegengefiebert. Der Terminator ist ein gutes Beispiel für einen Film, der nach einer Fortsetzung schreit.

Doch wenn ich ein gegenteiliges Beispiel nennen sollte, fällt mir aus dem Stehgreif Highlander ein. Auch dieser Film gehört für mich zu den damaligen Highlights. Der Spruch „Es kann nur einen geben!“ hat sogar eine Zeit lang Einzug gefunden in unseren Sprachgebrauch.

Doch die Geschichte ist am Ende auserzählt. Der Protagonist Connor MacLeod hat gesiegt und den einen Preis erhalten. Connor klärt uns in der letzten Szene, über diesen Preis auf. Aus dem Off hören wir zum Schluss Connors Mentor Juan Sanchez (hervorragend: Sean Connery), der Connor bestätigt, dass er sich „gut bewährt“ habe. Dazu noch der Kult-Soundtrack der Rockband Queen. Noch einmal spüren wir die Highlands. Dann ist es vorbei. Passt! Super! Letzte Klappe! Das wars!

Die Geschichte ist auserzählt, was auch die unsägliche dramaturgische Qualität der Nachfolger bestätigt. Alles was man an nachfolgender Handlung hinzukonstruiert hat, ist an den Haaren herbeigezogen, und ich als Zuschauer spüre, hier will man einfach nur mit dem Erfolg des Originals Kasse machen. Aus diesem Grund gibt es für mich nur diesen ersten Film des Franchises. Hier ist der Name Programm: Es kann nur einen geben!

Auserzählte Geschichten brauchen keine Fortsetzungen. Man sollte sie ruhen lassen. Muss ein Gladiator 2 wirklich sein, obwohl der Titelheld im ersten Teil gestorben ist? Verbirgt sich hier unter namhaften Titel vielleicht ein ganz eigenes Werk, den man den Namen nur aus Marketinggründen gegeben hat? Oder man stelle sich vor, Fight Club würde nach dem fulminanten Ende eine Fortsetzung erhalten. Wie soll die denn aussehen?

Vorteile und Nachteile von Fortsetzungen

Einer der größten Nachteile von Fortsetzungen ist, die Zerstörung der Mystik des Originals, indem man in den Nachfolgern zu viel erzählt oder hinzudichtet. Manchmal weichen diese neuen, offiziellen Interpretationen so stark von den eigenen Vorstellungen ab, dass selbst der Charme des Ursprungswerks plötzlich darunter leidet.

Bei mir war das zum Beispiel der Fall, als mir George Lucas etwas von den Midi-Chlorianern erzählen wollte. Für Lucas sind also kleine Wesen für das Wirken der Macht in Star Wars verantwortlich. Ich wäre in Episode 1 fast vom Kinosessel gefallen, als ich das hörte – aber nicht vor Freude. Denn nun sind die Jedi eine elitäre Gruppe deren Macht von einem mikroskopisch kleinen Lebenförmchen abhängt. Sogar messen kann man die Macht nun, anhand des Midi-Chlorianer Wertes (Spock! Wo ist Spock und sein Tricorder?)

Vorher hielt ich die Macht für eine kosmische Urkraft, unabhängig von jedweden Völkern, doch jeder kann erlernen sie zu nutzen, wenn er bereit ist diese mystische Kraft in sich wirken zu lassen, und er es schafft mit seinen freien Gedanken über seine Grenzen zu gehen. Zumindest haben mir Ben und Yoda das so in der Originaltrilogie vermittelt.

Ein weiterer Nachteil von Fortsetzungen ist, wir werden an ein bestimmtes Franchise gewöhnt und stehen neuen Werken womöglich weniger offen gegenüber. Tatsächlich könnte es uns zunehmend schwerer fallen, sich auf neue Ideen einzulassen. Natürlich hängt das von jeden von uns selbst ab, aber es ist durchaus möglich, dass durch altbekanntes Franchise, unbekannte Geschichten aus den Kinos, Buchläden und Köpfen verdrängt werden.
Gerade in unseren Buchläden sehe ich bei meinen bevorzugten Genres Fantasy und Science-Fiction großteils nur noch die selben Geschichten, u.a. Das Lied von Eis und Feuer, bzw. Bücher, die den Namen George R.R. Martin auf dem Cover kleben haben, Bücher von J.R.R. Tolkien, Das Rad der Zeit, The Witcher, Star Wars Romane, Star Trek Romane, Romane zu bekannten Tabletop-Spielen oder Games, und hin und wieder sogar mal vereinzelt einen Perry Rhodan Band. Und nun bemerke ich das gleiche Dilemma bei den Kinofilmen.

Trotzdem bieten Fortsetzungen auch ein großes Potential die entsprechenden Welten um weitere Details zu bereichern, und mit noch mehr Leben zu füllen. Gute Fortsetzungen können uns tiefer in das entsprechende Universum einführen und uns Zugang zu neuen fantastischen Geschichten rund um dieses Franchise gewähren.
Ein gutes Beispiel ist das Marvel Cinematic Universe bis Phase 3. Viele einzelne Geschichten verknüpfen sich am Ende zu einer großen Geschichte. Super!
Zudem können auch neue Autoren auf bereits beliebte Welten aufsetzen, und diese Welten, die uns teilweise seit Generationen begeistern, um ihre eigenen Ideen ergänzen.

Fazit

Zuerst mal möchte ich allgemein erwähnen, dass jeder selbst entscheidet, welche Fortsetzungen er gelungen findet und welche nicht. Die folgenden Filmbeispiele spiegeln nur meine Meinung wider. Ihr könnt das natürlich anders sehen.

Aber in den letzten Jahren sind für meine Begriffe zu viel Fortsetzungen entstanden, die mit dem Geist der Ursprungsgeschichte nichts mehr zu tun haben: Die Ringe der Macht, Terminator: Dark Fate, Indiana Jones und das Rad des Schicksals, Jurassic World: Ein neues Zeitalter, um nur ein paar zu nennen. Wie man eine Grundstory ehrt, zeigt zum Beispiel Regisseur Denis Villeneuve mit seinen Dune-Filmen.

Es bleibt abzuwarten, was aus mancher Fortsetzung wird. Fortsetzungen sind absolut in Ordnung und berechtigt, wenn sie das Franchise bereichern (Top Gun: Maverick, Minions, The Batman). Trotzdem sollte man auch nicht vergessen, dass noch zahlreiche unbekannte oder unverfilmte Drehbücher in den Schubläden der Filmstudios schlummern. Auch diese haben es verdient, Produzenten zu finden, die wieder etwas riskieren wollen – ebenso wie wir Zuschauer weiterhin Geschichten verdienen, die unseren Alltag zu würzen verstehen.

Bleiben wir also trotz der vielen unnötigen Fortsetzungen der letzten Jahre optimistisch, und freuen uns auf weitere phantastische Geschichten.

Bildquellen:

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Über Michael Sagenhorn

Im bürgerlichen Leben: Michael Schnitzenbaumer, lebt in Poing bei München, mit seiner Frau Steffi und seinen beiden Kindern Tatjana und Sebastian. Beruflich ist er als Webentwickler tätig, und natürlich auch als Grafiker und Illustrator. Neben den Hobbys 'Fotografie', 'Reisen und 'Kochen' liest er für sein Leben gerne phantastische Romane. Sofern es seine Zeit zulässt, spielt er auch mal gern ein Computerspiel. Was ich mag! Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Empathie, Romantik - Ohrenstöpsel und Tante Gretels Apfelkuchen. Was ich nicht mag! Verrat, Geldgier (obwohl ich gegen Geld oder Reichtum gar nichts einzuwenden habe), Egomanie - früh aufstehen.

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