Michael Sagenhorn/ November 24, 2021/ Kino, Science-Fiction/ 0Kommentare

Eine Hommage des Meisters an großes Kino

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Meine Generation ist mit den phantastischen Filmen von Steven Spielberg groß geworden. Seine Art Geschichten auf die Leinwand zu bringen, zog viele Kinobesucher in Bann, auch wenn nicht alle Geschichten die Welt zum Besseren verändert haben.

Schließlich hat Steven Spielberg mit ‘Der weiße Hai‘ unsere Vorstellungen vom menschenfressenden Killerhai entscheidend mitgeprägt, was die Lobby des eleganten Jägers nicht gerade vergrößerte. Spielbergs gnadenloser Raubfisch hatte nichts mit der Realität zu tun, sondern war nur ein Fantasieprodukt nach Vorgaben des Autors Robert Bloch. Doch Spielbergs Vision machte den Hai lebendig. Es fühlte sich an, als würde man dieses Abenteuer hautnah miterleben, anstatt sich nur einen Film anzusehen.

Als Regisseur und Produzent prägte er vor allem in den Siebzigern, Achtzigern und Anfang der Neunziger das Genre des Phantastischen Films: u.a. Indiana Jones, E.T., Poltergeist, Hook, Jurassic Park wurden zu Blockbustern und gingen in die Filmgeschichte ein.

Nach der Jahrtausendwende wurde es ruhiger um den Regisseur. Zwar hatte er beachtliche Erfolge mit Filmen außerhalb der Phantastik, aber Spielbergs besonderes Wirken – die spezielle Magie seiner früheren Filme – erreichten seine späteren Werke nicht mehr. Irgendwie merkte man, dass er müde geworden ist, Phantastisches in Szene zu setzen. Minority Report war noch recht gelungen, A.I., Krieg der Welten, BFG, selbst Indiana Jones 4 waren schon irgendwie nett, aber so richtig konnte mich Spielberg damit nicht mehr abholen.

Die großen Tage des alten Meisters sind vorbei, dachte ich – oder vielleicht bin ich einfach nur alt geworden, und nicht mehr zu begeistern? – Dann kam ‘Ready Player One‘.

Ich sah den Film und freute mich. Es war so, als wäre ich plötzlich 25 Jahre jünger geworden. Oft schüttelte ich den Kopf, weil ich nicht glauben konnte, was ich da sah oder hörte. Warum dieser Film eine solch starke Wirkung auf mich hatte, dazu komme ich gleich, doch

Worum geht es eigentlich?

Wir sind im Jahr 2045. Der junge Wade Owen Watts lebt in einer der vielen slum-ähnlichen Städte, eine Heimat, die für unzählige Menschen nur Elend und Verzweiflung zu bieten hat. Ihrem tristen Dasein versuchen die Bewohner zu entkommen, indem sie in eine virtuelle Welt eintauchen: Die OASIS sprengt alle Grenzen der Realität. Jeder Besucher kann einen Avatar nach seinen Wünschen zusammenstellen. Hautfarbe, Geschlecht, sogar Spezies sind ohne Bedeutung, denn es ist allein der Fantasie des Besuchers überlassen, wie sein Avatar gestaltet ist.

Auch Wade verbringt die meiste Zeit seines Teenagerlebens in Gestalt seines Avatars ‘Parzival’ in der OASIS, weil auch er mit der Realität nicht klarkommt. Seine Eltern sind tot, er wohnt bei seiner Tante in einer der Baucontainer-ähnlichen Behausungen, die provisorisch übereinandergestapelt wurden.

In der OASIS hat sich indessen die Geschichte verbreitet, dass deren skurriler Erbauer James Halliday vor seinem Tod drei Schlüssel samt Herausforderung in der OASIS verteilt hat. Die Schlüssel führen zu einem sogenannten Easter Egg. Wer dieses Easter Egg findet, erbt Hallidays Vermögen und auch die OASIS.

Wade macht sich mit seinen Mitstreitern Aech und Art3mis auf die Jagd nach den versteckten Schlüsseln. Dabei müssen sie gefährliche Herausforderungen meistern, und den Spielern von Nolan Sorrento, Hallidays einstigen Mitarbeiter und CEO der Firma IOI, zuvorkommen.

Es ist nicht nur die Handlung oder Inszenierung, die den Film sehenswert macht. Wenn wir Wade auf seiner Suche nach dem Easter Egg begleiten, entdecken auch wir zahlreiche Easter Eggs der filmischen Popkultur. Da steigt Wade bei einem Autorennen schon mal in den DeLorean aus ‘Zurück in die Zukunft’, und rast auf der Rennstrecke vorbei, an dem T-Rex aus ‘Jurassic Park‘ und an King Kong, die ihm den Garaus machen wollen.

Bei dem gleichen Rennen überholt Art3mis Wade auf einem roten Motorrad, das mir seltsam vertraut vorkommt.

Sieht aus, wie Kanedas Motorrad‘, denke ich überrascht.

Und tatsächlich! Art3mis fährt das Motorrad von Kaneda, dem Protagonisten aus meinem absoluten Lieblings-Anime / -Manga ‘Akira‘. Ich habe mich riesig gefreut, diese Maschine mal als Live Action Version zu sehen.

Dass Spielberg nichts verlernt hat, merken die Zuschauer auch während eines weiteren Film-Highlights. Spielberg erweckt das Overlook Hotel aus Stanley Kuricks Horrorfilm ‘The Shining’ wieder zum Leben, samt der legendären Zwillingsmädchen, dem Blutfluss aus dem Aufzug, und natürlich der Dame aus Zimmer 237. Man hatte förmlich das Gefühl, dass jeden Moment Jack Nicholson als irrer Jack Torrance um die Ecke schlurft, mit einer Axt in beiden Händen.

Auch die Werkstatt von Wades Kumpel Aech ist voller Gegenstände, die uns wohl bekannt vorkommen. Da hängt eine Viper aus ‘Kampfstern Galactica‘ an der Decke. Das Wohnmobil aus ‘Spaceballs‘ wartet auf Wartung, genau wie der Weltraum-Pod aus ‘2001: Odyssee im Weltraum‘.

Weitere Gastauftritte haben die Horror-Gestalten Freddy Krueger, Chucky und Jason Voorheese, aber auch Helden wie Lara Croft und Batman. Und das sind längst noch nicht alle filmischen Referenzen, die ‘Ready Player One’ zu bieten hat.

Neben Kanedas Motorrad hatte eine weitere filmische Referenz diesen ‘Nein,-ich-glaub‘s-nicht!-Effekt auf mich, obwohl dieses Easter Egg akustisch war. An einer Stelle des Films wurde einer der für mich mystischsten und schönsten Zaubersprüche der Filmgeschichte zitiert, aus dem Film ‘Excalibur‘ von 1981. Für mich ist dieser Film die einzig wirklich gelungene Verfilmung der Arthus-Legende. Den Zauberspruch hier niederzuschreiben macht keinen Sinn, da er ganz anders klingt, als er geschrieben wird.

Aber allein meine beiden Lieblingsreferenzen zeigen schon, dass die Menschen, die die Referenzen auswählten, die entsprechenden Filme und Genres genauso lieben und verstehen wie die Fans für die sie gemacht worden sind. Für den Zauberspruch hat man nicht einfach einen der bekannten Harry-Potter-Zauber gewählt. Ein lieblos hingerotzter Einwort-Zauber wie ‘Expelliarmus‘ hätte sicher einen höheren Erkennungswert gehabt, als der Zauber aus ‘Excalibur’, den gerade jüngere Zuschauer wahrscheinlich gar nicht kennen.

Zwar dürfte ‘Akira’ auch bei uns im Westen entsprechend bekannt sein. Trotzdem lehne ich mich aus dem Fenster und behaupte, dass das Bike aus ‚Akira‘ nicht so prominent ist, wie z.B. das Batmobil oder ähnliche Fahrzeuge aus Hollywood Blockbustern. Bei den Easter Eggs wird zwar Wert darauf gelegt, große Filme, bekannte Games oder berühmte Figuren zu ehren. Aber nur insofern sie die Handlung harmonisch ergänzen. Es wird darauf verzichtet, den Zuschauer mit übertriebenen Fanservice zu quälen, und ein unbedingtes ‚erkennen-müssen‘ der Referenzen zu provozieren. Angeblich hat Warner Bros. drei Jahre daran gearbeitet die entsprechenden Lizenzen einzuholen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel diese Rechte gekostet haben.

Fazit

Sicher könnte ‘Ready Player One’ seine dystopische Zukunft mehr in den Fokus der Handlung rücken. Die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit der realen Welt jenseits der OASIS wird lediglich angerissen. Hier hätte ich mir gewünscht, dass Spielberg mehr auf den tristen Alltag eingeht, damit die Zuschauer auch ein besseres Gespür dafür bekommen, warum die Flucht in die OASIS für viele Menschen so essenziell ist. An dieser Stelle verschenkt der Film viel Potential.

Aber ich denke, Spielberg war es gar nicht wichtig, eine weitere düstere Zukunft ala ‘Matrix’ zu zeigen. Der Film soll Spaß machen. Wer vor allem Spielbergs früheren Werke gefeiert hat, kommt an ‘Ready Player One’ nicht vorbei.

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Über Michael Sagenhorn

Im bürgerlichen Leben: Michael Schnitzenbaumer, lebt in Poing bei München, mit seiner Frau Steffi und seinen beiden Kindern Tatjana und Sebastian. Beruflich ist er als Webentwickler tätig, und natürlich auch als Grafiker und Illustrator. Neben den Hobbys 'Fotografie', 'Reisen und 'Kochen' liest er für sein Leben gerne phantastische Romane. Sofern es seine Zeit zulässt, spielt er auch mal gern ein Computerspiel. Was ich mag! Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Empathie, Romantik - Ohrenstöpsel und Tante Gretels Apfelkuchen. Was ich nicht mag! Verrat, Geldgier (obwohl ich gegen Geld oder Reichtum gar nichts einzuwenden habe), Egomanie - früh aufstehen.

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