Michael Sagenhorn/ Oktober 31, 2022/ Kurzgeschichten/ 0Kommentare

Genere: Horror, Mystery – Geeignet ab 16 Jahren

Das kühle Mondlicht bahnte sich einen schmalen Weg durch die Ritzen der dicht belaubten Bäume, hüllte den schlummernden Wald in einen milchigen Schimmer und stachelte den dünnen Nebelschleier, der am Boden entlang waberte, zu einem geheimnisvollen Leuchten an.

Simone wartete im Wagen, der seitlich einer einsamen Feldstraße parkte. Sie lauschte den unheimlichen Geschichten der rauschenden Blätter und dem unentwegten Wispern des Windes, und jeder dieser, für sie ungewohnten Klänge nährte die, in ihr aufkeimende Unruhe. Simones besorgter Blick haftete ohne Unterlass auf einem alten Gehöft, das am Rand des Waldes vor sich hinmoderte.

Wo bleibt Martin solange? Er soll doch nur einen Abschleppdienst rufen’, dachte sie und rubbelte sich die Kälte aus dem linken Unterarm. Warum musste ihr Auto ausgerechnet an diesem gottverlassenen Ort seinen Geist aufgeben? Warum hatte Martin sein Handy nicht aufgeladen? Wie schon etliche Male zuvor tippte Simone nervös auf das dunkle Display ihres eigenen Smartphones. Doch auch dieses verweigerte hartnäckig den Dienst, obwohl Simones Akku eigentlich voll genug sein hätte müssen.

„Bleib ruhig, Simone!“, flüsterte sie und erinnerte sich an die gebrechliche Statur des Greises, der ihrem Mann, auf sein Klopfen hin, die Türe geöffnet hatte. Simone kramte in ihrer Handtasche nach einer Schachtel American Spirit. „Ich warte noch eine Kippe, Martin! Dann komme ich dich holen“, beschloss sie mit unterdrücktem Zorn. Aber nach drei tiefen Zügen öffnete sich die Eingangstüre des Hauses, und Martin trat über die Schwelle. Simone hauchte erleichtert den blauen Rauch in den Wagen.
Doch irgend etwas stimmte nicht! Der junge Mann stürzte kopflos über den Rasen und stürmte auf ihren Audi zu. Simone schrie, als er gegen die Motorhaube krachte.
Ohne auf den Schmerz zu achten, humpelte Martin weiter und riss die Fahrertür auf.

„Um Himmels willen! Was ist passiert?“ Simone starrte in Martins porzellanbleiches Gesicht.
„Weg hier! Schnell!“ krächzte er und packte Simon am Arm.
„Hey! Hör auf, an mir zu zerren! Du tust mir weh!” Simone riss sich los. „Wir gehen erst, wenn ich ein paar Antworten habe! Was hast du so lange in dem Haus getrieben?“
„Später! Jetzt will ich nur weg! – Nur weg!“
„Oh nein, Martin. Ohne Erklärung renne ich nicht mit dir durch diese beschissene Nacht!“ Doch Simone erahnte, allein aus Martins Miene, dass sich etwas Schreckliches in dem Haus zugetragen haben muss.
„Was ich gesehen habe, kann es nicht geben! Nein!” So sehr er sich auch bemühte, Martin war nicht fähig, sein Zittern vollends zu unterdrücken. Er sah verängstigt zum Haus, aber als er bemerkte, dass er nicht verfolgt wurde, lehnte er sich zurück, regulierte seinen flachen Atem und lockerte die Nackenmuskeln.
„Was meinst du? Jetzt sprich schon!“
Noch einmal blickte er zum Haus. Alles blieb ruhig. „In Ordnung! Aber unterbrich mich nicht! Ich glaube, wenn ich den Faden verliere, habe ich nicht mehr den Mut, weiter zu erzählen.”
Mut? Martin hat nicht mehr den Mut? Aber gerade diese Eigenschaft schätzte Simone so sehr an ihn. Martin, ihr Fels, ihr Ruhepol, gab ihr Kraft und Halt. Dafür liebte sie ihn. Und nun? Simone spürte ihr klopfendes Herz.

„Der Alte wirkte zuerst sehr freundlich”, begann Martin. Er dachte an den Greis, der ihn vorhin die Tür geöffnet hat. „Etwas skurril, aber in Ordnung. Ich erzählte ihm von unserer Panne… Er lächelte und bat mich herein.

Drinnen fiel mir seine Sammlung auf. Überall Holzmasken an den Wänden. Hunderte von denen! – Oh Simone! Solche Masken hast du noch nicht gesehen. Schwarzgebeizte Dinger mit grässlichen Fratzen. Jede lachte! Je länger ich sie betrachtete, desto mehr wollte ich weg von den Dingern. Es kam mir so vor, als wollten sie etwas hinter ihrem Lachen verbergen: eine fremdartige Mimik unter einer aufgesetzten Heiterkeit… Es hört sich verrückt an, aber ich kann es nicht anders ausdrücken.

‚Sie sammeln Masken?’, habe ich den Alten gefragt.
‚Nicht direkt. Die Masken versinnbildlichen nur meine eigentliche Leidenschaft. Wissen Sie, ich bin ein Liebhaber der wahren Kunst.’
‚Wahre Kunst?’
Ich sah in das faltenzerfurchte Gesicht. Es lächelte mich ohne Unterlass an, aber in den Augen lauerte Gier. Kaum erkennbar, doch sie war da. Ich trat instinktiv zurück. Der Alte belehrte mich ungerührt weiter: ‚Wahre Kunst, mein junger Freund, bedeutet Gegensätze zu vereinen.‘

Dann hat er etwas von Feuer und Wasser erzählt. Wenn man Feuer und Wasser mischen kann, ohne die Elemente auszulöschen, sei man wahrlich ein Künstler. Er bestand darauf, dass es sich mit allen Gegensätzen so verhält. Er meinte dann: ‚Ich habe mich dem Lachen verschrieben. ’
‚Dem Lachen? ’ Der Alte war offenbar völlig verrückt.

‚So ist es! Dem Lachen gehört meine Liebe, denn es verbirgt die Abgründe der menschlichen Seele. Aber Sie sind nicht hier, um den Marotten eines alten Mannes zu lauschen. ’
Er hörte einfach nicht auf, zu lächeln. ‚Sie möchten telefonieren. Dann gehen Sie die Treppe hoch und den Gang gerade bis zum Ende hinunter. Dort finden Sie das Telefon. ’

Ich hatte nicht vor, auch nur eine Sekunde zu lang zu bleiben. Also folgte ich rasch den Stufen und – Tatsächlich! Vor mir gähnte ein langer, dunkler Gang mit jeweils vier oder fünf Türen, auf beiden Seiten. Eine Tür links stand einen Spalt breit offen, und fahles, kaltblaues Licht krauchte die gegenüberliegende Wand empor.
Und aus dem Zimmer drang ein merkwürdiges Kichern. Da ich sowieso daran vorbeimusste, beschloss ich einen Blick zu riskieren. Meine Knie haben ganz schön gezittert. Dieses ständige Gekicher ging mir durch und durch. Ich spähte hinein und …’

Martin unterbrach seine Geschichte. Er atmete tief durch, weil neue Unruhe in ihm aufzukeimen drohte. Simone wartete geduldig, bis ihr Mann die richtigen Worte fand.

„In der Kammer saß eine zierliche Frau in weißem Nachthemd vor einem Schminktisch. Sie hat mir den Rücken zugewandt. Daher konnte ich ihr Gesicht zuerst nicht sehen. Sie kämmte sich die Haare und kicherte, und kicherte, und kicherte…ohne Luft zu holen. Schließlich hatte sie mich anscheinend bemerkt, denn sie drehte sich herum. Oh Gott! …“

Martin presste sich die Handflächen vor die Augen. „Dieses Gesicht! … Ich wollte schreien, aber das was ich sah, presste mir die Luft aus der Lunge. Dieses Mädchen! Dieses Ding! Ihr Gesicht wurde von einem Spalt zerteilt, der einmal ihr Mund gewesen sein muss. Doch jetzt gähnte dort ein unnatürlich breites Lächeln, das von einem Ohr zum anderen verlief.

Und ihre unwirklichen Augen! Es sah aus, als hätte man gegrillte Schafsaugen in ihren Schädel gestopft. Völlig bleich und tot! Sie glotzte mich an mit ihren blinden Augen und grinste. Zuerst dachte ich sie wäre zu keiner anderen Miene fähig. Aber dann veränderte sich ihr Ausdruck. Ihre Züge rissen auseinander, als würde eine unsichtbare Kraft das Fleisch zu einer Manifestation des Abscheus zermeißeln, die einen stummen, markerschütternden Schrei ausstieß. Als hätte dieses geistlose Geschöpf, tief in dessen Inneren noch den Bruchteil eines zerschmetterten Bewusstseins bewahrt. Einen Atemzug später klaffte wieder ihr abscheuliches Lachen im Gesicht. Danach rannte ich wie ein Wilder runter und schoss, direkt am Alten vorbei, aus dem Haus.“

Simone umschlang ihren frierenden Leib. Was für eine verrückte Geschichte. Trotzdem glaubte sie Martin. Er war nicht der Typ, der sich so etwas einfach nur ausdachte.
„Nur gut, dass du entkommen bist“, flüsterte sie und starrte auf das Haus.
„Entkommen?“ Martin begann leise zu glucksen. „Ich bin nicht entkommen!“ Sein Glucksen schwoll zu einem sonoren, dumpfen Lachen an.
„Martin? Was ist los mit dir?“ Simones Augen traten aus den Höhlen.
„Ich wollte ja fliehen. Aber du wolltest es hören – du wolltest es unbedingt hören!“ Martins Mund spreizte sich immer weiter auseinander. Das Lachen zerteilte seine Backen, kroch wie ein tiefer Graben bis zu den Ohrmuscheln hinauf und entblößte die Zähne, während Tränen der Verzweiflung aus seinen Augen liefen.
„Nein! Martin! Hör auf!“

„Weißt du, was der Alte noch sagte?“ quakte Martin, während sein funkelnder, lidschlagloser Blick spottend auf Simone ruhte. „Wahre Kunst muss weh tun! Wahre Kunst muss provozieren!“ Martins Kiefer verzog sich krachend nach unten.
Sein Gelächter mutierte weiter, zu einem röhrenden Gebrüll und verschmolz mit Simones grellen Schrei zu einer atemberaubenden Melodie.

Am nächsten Morgen parkte der Wagen immer noch am Rand der einsamen Feldstraße und wartete auf seine verlorenen Besitzer. Nur eine schwarze Damenhandtasche lag auf dem Boden, neben der halb geöffneten Beifahrertür.


Und weiterhin rauschten die Blätter und erzählten ihre unheimlichen Geschichten.

Überarbeitet Sagenhorn Poing, Oktober 2022 / Erstfassung Sagenhorn München, 2004

Bildquelle: © Michael Sagenhorn

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Über Michael Sagenhorn

Im bürgerlichen Leben: Michael Schnitzenbaumer, lebt in Poing bei München, mit seiner Frau Steffi und seinen beiden Kindern Tatjana und Sebastian. Beruflich ist er als Webentwickler tätig, und natürlich auch als Grafiker und Illustrator. Neben den Hobbys 'Fotografie', 'Reisen und 'Kochen' liest er für sein Leben gerne phantastische Romane. Sofern es seine Zeit zulässt, spielt er auch mal gern ein Computerspiel. Was ich mag! Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Empathie, Romantik - Ohrenstöpsel und Tante Gretels Apfelkuchen. Was ich nicht mag! Verrat, Geldgier (obwohl ich gegen Geld oder Reichtum gar nichts einzuwenden habe), Egomanie - früh aufstehen.

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