
Dieser Film zeigt gleich in den ersten Minuten ein Problem, das viele moderne Blockbuster haben: Es gelingt ihnen nicht mehr, das Publikum (oder vielleicht auch nur mich) in ihre Welt hineinzuziehen.
Bei der ersten Sequenz von Avatar: Fire and Ash musste ich unweigerlich an einen mäßig erfolgreichen Klassiker von 1990 denken: Bernard und Bianca im Känguruland. „Jetzt ist er verrückt geworden!“, werdet ihr vielleicht denken. „Wegblättern! Nächster Artikel!“
Wartet! Wartet! Bernard und Bianca im Känguruland enthält die Szene, auch relativ am Anfang, in der der kleine Junge Cody den goldenen Riesenadler Marahute befreit. Während der Befreiung fällt Cody von einem hohen Felsen steil in die Tiefe, und wir fallen mit. Im nächsten Moment stürzt der Adler unter uns vorbei. Cody landet sanft auf seinem Rücken. Dann geht es mit Schwung hinauf, in die Wolken. Cody durchstößt jauchzend die Wolkendecke. Der Adler macht Faxen, wirft den Jungen hoch, überschlägt sich und greift ihn mit den Fängen, während wir wieder in die Tiefe, direkt auf einen Fluss zu, fallen. Der Adler lässt Cody dicht über dem Fluss los, der Junge schlittert von der Beschleunigung getragen über das Wasser, und wir zischen mit ihm unter einer Wurzel vorbei und scheuchen kleinere Vögel auf. Dann schiebt Marahute den Jungen mit ihrem Schnabel an. Es ist, als würde Cody Wasserski laufen, bis der Fluss plötzlich abbricht und der Junge über den Rand eines hohen Wasserfalls hinausschießt. Cody breitet die Arme wie Flügel aus. Tief unter ihm gähnt das weite Land. Dann fängt der Adler Cody wieder auf, und die Kamera zeigt die Supertotale von Australiens Weiten, im Zentrum der in die Tiefe stürzende Wasserfall, während der Adler mit dem Jungen über den Wolken davonfliegt.

Die Szene dauert vielleicht zwei bis drei Minuten, aber danach hatte mich der Film für sich gewonnen, hatte es geschafft, mich in seine Welt hineinzuziehen. Bernard und Bianca im Känguruland ist dabei noch nicht einmal ein Meisterwerk. Aber die Macher wussten, wie man das Publikum für sich gewinnt.
Es muss nicht immer der Flug auf einem goldenen Adler sein. Auch bei Das Imperium schlägt zurück, wurde ich seinerzeit in den Kinositz gedrückt, als ich zum ersten Mal sah, wie der Snowspeeder auf das Suche nach Han und Luke über die Eislandschaft von Hoth fliegt.
James Cameron, einer der größten Regisseure unserer Zeit, dem wir großartige Filme (Terminator, Aliens, Titanic) zu verdanken haben, hatte mit der ersten Szene von Avatar: Fire and Ash die Möglichkeit, einen totsicheren Elfmeter zu verwandeln, wenn es darum geht, das Publikum mitten in seine Welt zu ziehen. Hier sehen wir, wie Lo’ak mit seinem älteren (verstorbenen) Bruder Neteyam auf Ikranen um die Wette fliegt. In schwindelnden Höhen treiben sie ihre Tiere zu den schwebenden Bergen, unter ihnen die atemberaubende Landschaft von Pandora, aber ich sehe nur teilnahmslos zu, anstatt die beiden zu begleiten.
Die Kameraeinstellungen ändern sich zu schnell. Die Bilder sind zu verwackelt oder zu ungenau. Ich habe überhaupt keine Möglichkeit, das alles auf mich wirken zu lassen und beim Flug dabei zu sein. Die Leinwand wurde nicht zur Tür, durch die ich hindurchgleiten konnte. Sie glich eher einem verschlossenen, milchigen Fenster.
Dieses Gefühl ist sinnbildlich für mein gesamtes Filmerlebnis. Mich stört weniger, dass der Film so gar nichts Neues erzählt, oder die generischen Dialoge. Das alles ist mir nicht so wichtig, wenn es der Film trotzdem versteht, mich von meinem Jetzt abzulenken. Doch der aktuelle Teil von Avatar schafft das zu keiner Zeit. Fast könnte man glauben, das Publikum sei Cameron egal geworden. Der Film ist ein Zirkus ohne Manege, dessen Artisten nur sich selbst zujubeln. Weiter unten greife ich das noch einmal auf. Erst einmal, worum es diesmal geht:

Achtung! Hier wird es zu Spoilern kommen!
Handlung
Die Sullys leben immer noch bei den Wasser-Na’vi und sind in tiefer Trauer, wegen des Verlustes von Neteyam. Besonders Neytiri kommt kaum über den Tod ihres ältesten Sohnes hinweg. Voller Abneigung blickt sie auf Spider, jenen Menschenjungen, der der Sohn des Mörders ihres Sohnes ist. Dass die anderen Sullys sich mit Spider so gut verstehen, akzeptiert sie kaum. Nicht nur, dass der jüngste Sohn, Lo’ak, ein guter Freund von Spider ist, auch die Tochter Kiri pflegt eine tiefe Verbindung zu ihm. Trotzdem hält sich Neytiri mit ihrer Ablehnung ihm und den Menschen gegenüber zurück, auch deshalb, weil Jake ein Mensch gewesen ist. So führt Spider ein harmonisches, fröhliches Leben bei den Na’vi. Die Sullys sieht er als seine Familie an.
Das ändert sich, als seine Atemschutzmaske versagt und er beinahe stirbt, aufgrund der für Menschen tödlichen Atmosphäre von Pandora. Jake erkennt, dass Spider nicht bei ihnen bleiben kann. Er möchte ihn mit den vorbeifliegenden Windhändlern zurück zu den Menschen schicken. Jake handelt mit den Windhändlern aus, Spider aufzunehmen. Dafür beschützen die Sullys deren Himmelskarawane.
Die Reise bleibt nicht lange unbemerkt. Die militärische Organisation der Menschen, die Resources Development Administration, die seit dem Endkampf von Teil 2 auf der Suche nach den Sullys ist, entdeckt die Familie bei den Windhändlern. Jakes alter Widersacher, der Avatar von Col. Miles Quaritch, verfolgt sofort die Spur.
Doch bevor er zuschlagen kann, wird die Karawane angegriffen von den Mangkwan, dem Asche-Volk der Na’vi. Bei dem Angriff werden die Sullys getrennt, und während Jake die Angreifer stellt, und Neytiri von Varang, dem Oberhaupt des Asche-Volkes, verwundet wird, müssen sich Lo’ak, Kiri und Spider durch den Dschungel schlagen, verfolgt von feindlichen Kriegern. Als Spiders Sauerstoffvorräte zu Neige gehen, scheint er unrettbar verloren …

Dieser Film beweist, dass Kinos immer noch eine Daseinsberechtigung haben
Abermals können wir uns an den spektakulären Bildern des Mondes Pandora erfreuen. Zwar ist die Artenvielfalt nicht mehr so ausgeprägt wie im Vorgänger, aber es gibt immer noch genug Eindrücke, die ausschließlich auf der großen Leinwand richtig zur Geltung kommen. Dazu gehören u. a. die Luftwesen der Windhändler, deren Form dem Aussehen von Quallen auffallend ähnelt. Die Karawane macht den Eindruck, als würden uralte, transparente Segelschiffe, über einen Wolkenozean treiben. Es ist, als hätte Cameron die See in die Lüfte erhoben.
Camerons Interpretation des Feuers ist dagegen eher spärlich ausgefallen. Die Aufnahmen von dem Vulkan waren kurz und haben mich nicht vom Hocker gerissen.
Trotzdem kann man sagen: Avatar: Fire and Ash kommt nur im Kino so richtig zur Geltung, aber leider nur wegen der dargebotenen Impressionen. Die Handlung wiederum ist dünn und auch nicht neu. Daher ist die Gefahr später bei einem Rewatch im Heimkino, vor dem TV oder dem Tablet, einzuschlafen, sehr groß, denn er ist …
Unterhaltsam, aber nicht mehr
Wollte Cameron die Zuschauer begeistern? Oder geht es ihm nur darum, seine eigenen Visionen umzusetzen, unabhängig davon, was wir davon halten?
Schon beim oben aufgeführten Filmbeginn, habe ich mir diese und andere Fragen gestellt. Vielleicht ist James Cameron zu sehr verliebt, in seine eigene Geschichte? Für einen Mann seines Könnens sollte es eigentlich kein Problem sein, mich auf seine fantastische Reise mitzunehmen. Denn Cameron kann seine Zuseher mitreißen. Inszenatorisch wäre es für ihn kein Problem gewesen, mich sofort in diese Welt eintauschen zu lassen. Das hat er in der Vergangenheit auch bewiesen. Himmel! Selbst bei Titanic hatte ich das Gefühl, den Untergang selbst mitzuerleben, obwohl ich bei weitem nicht zur Zielgruppe für diese Schiffskatastrophe gehöre, die in das rote Herzchen-Bonbonpapier eines Liebesdramas eingewickelt ist. Avatar hingegen müsste eigentlich Menschen wie mich einsaugen, wie ein Schwarzes Loch.

Auch in Avatar: Fire and Ash beweist Cameron, dass er es immer noch versteht, Actionsequenzen packend miteinander zu verknüpfen. Darum begreife ich nicht, warum ihm scheinbar nicht mehr daran gelegen ist, uns seine Welt mitfühlen zu lassen.
Teile der Handlung sind einfach nur schludrig umgesetzt und von Zufällen geprägt: Jake kann fliehen, weil ein Wissenschaftler ihm hilft. Gleichzeitig gelingt auch Spider die Flucht, während Neytiri unabhängig davon die Militärbasis angreift. Natürlich ist das jetzt nicht unbedingt ausschlaggebend für meinen Filmgenuss, weil für mich der Action-Aspekt bei solchen Filmen überwiegt, aber ich traue Cameron eigentlich zu, dass er das professioneller inszenieren könnte.
Manche Beziehungen sind interessant, werden aber nicht weiter ausgeführt, weil man zu viel erzählen möchte. So bahnt sich zwischen Kiri und Spider mehr an, als eine stiefgeschwisterliche Verbindung.
Auch die Chemie zwischen der etwas verrückten Asche-Klan-Anführerin Varang und Quaritch ist für mich absolut okay. Sie geben ein gutes Team ab und werden sogar intim miteinander, obwohl Quaritch die Na’vi eigentlich als Feinde betrachtet. Das ist doch interessant. Beide Beziehungen werden aber nicht weitererzählt. Schade!
Zumindest wird Quaritch bewusst, dass in den Na’vi mehr steckt, als dumme Wilde, weil er das Na’vi-Leben durch den Avatar am sprichwörtlich eigenen Leib erfährt. Das sollte auch seine Beziehung zu Jake beeinflussen. Und manchmal, wenn die beiden miteinander reden, oder sie Spider gemeinsam aus den Fängen des Asche-Klans befreien wollen, wird so ein Funke der Veränderung spürbar. Jedoch bringt man den Funken nicht zum Lodern. Die Figuren entwickeln sich kaum weiter.

Von den edlen Wilden zu den Wildwest-Wilden
Den Stamm des Feuers wollte uns Cameron diesmal näherbringen. Kennengelernt haben wir ihn kaum. Es gibt eine kurze Erklärung, wie der Stamm entstanden ist und warum er einen Groll gegen die anderen Stämme hegt. Aber ein tieferes Eintauchen in die Kultur und deren Rituale findet nicht statt. Wir lernen nur einen Charakter näher kennen, nur Varang, die Anführerin. Ihr Stamm selbst ist ein tobendes Gewusel aus mit Asche überzogenen Leibern. Varang hätte einen interessanten Antagonisten abgegeben, wenn wir mehr über sie erfahren hätten.
So erinnert der gesamte Feuerstamm an die Hollywoodindianer der 50er/60er Jahre. Es sind dumme Wilde mit monströsen Absichten, gepaart mit dem Größenwahn eines Volkes, dass sich über allen anderen Na’vis sieht. Begründet wird ihre Abneigung zu den anderen Na’vi-Stämmen damit, dass diese ihnen damals nicht zu Hilfe gekommen sind, als der Vulkan ausgebrochen war. Jetzt verbünden sich die Feuer-Na’vi mit den Menschen, gegen ihre eigene Art. Zwar erhalten sie dafür kein Feuerwasser *Zwinker*, aber sie bekommen moderne Gewehre, zum ‚Donner machen‘. Das ist mir zu wenig. Wenn ich so etwas Plattes sehen möchte, sehe ich mir einen US-Western aus oben genannter Zeit an. So eine Geschichte muss dann für mich auch nicht mit modernen Bildern aufgepeppt sein.
Abraham auf Pandora
Zum Schluss noch etwas für Liebhaber des Alten Testaments: Im Buch Genesis befiehlt Gott Abraham, seinen Sohn Isaac zu opfern. Ich denke, die Geschichte ist allgemein bekannt.
Ähnliches passiert auch hier, nachdem Jake, Neytiri und Spider von der Militärbasis geflohen sind. Spider wurde von Eywa, der lebendigen Naturgottheit von Pandora, berührt. Damit erlangte er einen ungeheuren Vorteil, den die anderen Menschen nun kopieren wollen. Wenn ihnen dies gelänge, könnten sie sich ungehindert auf Pandora ausbreiten. Daher beschießt Jake schweren Herzens, Spider zu töten, um die Gefahr zu beseitigen.
Jake geht mit Spider allein in den Dschungel, um ihn quasi zu opfern. Diese Szene ist sowohl von der Dramatik her, als auch für die eigentliche Handlung vollkommen überflüssig. Denn natürlich tötet Jake Spider nicht. Er bringt es nicht übers Herz. Zudem hetzt Neytiri, also jene, die Spider bis vor kurzem noch verabscheut hatte, hinter den beiden her, um Jake aufzuhalten. Warum sie das tut, welche Erkenntnis zu ihrem Umdenken geführt hat, können wir nur vermuten.
Herausgekommen ist eine unnötig schnulzige Szene. Alle versöhnen sich und haben sich lieb. Um wienviel wirkungsvoller wäre diese Szene gewesen, wenn Neytiri mit Spider in den Dschungel gegangen wäre? Kurz bevor Neytiri den verhassten Menschen das Messer in die Brust rammen will, blitzt die Erkenntnis in ihr auf, dass Spider tatsächlich mit ihrer Familie eng verbunden ist, und dass ihre Tochter Kiri innige Gefühle für ihn entwickelt hat. Von dieser Einsicht überflutet, erlebt sie einen Schlüsselmoment. Sie lässt das Messer fallen, während ihr bewusst wird, zu welchem hasserfüllten, aber auch verzweifelten Wesen sie selbst geworden ist.

Fazit
Es mögen vielleicht nur Kleinigkeiten sein, aber all das nährt in mir den Verdacht, dass Cameron Pandora eigentlich nur noch für sich selbst bereist. Pandora bleibt liebevoll gestaltet, das Geschehen aber, ist nur Mittelmaß. Mehr als schlichtes Popcorn-Kino wird hier nicht geboten.
Da Avatar: Fire and Ash von der Geschichte her den anderen Teilen ähnelt, ist er im Prinzip entbehrlich. Wenn man ihn nicht im Kino gesehen hat, und kein Fan der Reihe ist, versäumt man nichts, wenn man auf den Film verzichtet. Ob ich den vierten Teil noch im Kino sehen möchte, sollte es ihn geben, kann ich noch nicht sagen.
Sie ist ja ganz nett, die Welt von Pandora, aber da wäre noch mehr drin gewesen.
Originaltitel: Avatar: Fire and Ash. Science-Fiction. USA 2025. 197 Minuten. Regie: James Cameron. Drehbuch: James Cameron, Rick Jaffa, Amanda Silver. FSK 12
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