
Vielleicht scheint es ungewöhnlich, dass ich einen Film wie diesen ins Zentrum einer Filmanalyse rücke. Hat Die letzte Versuchung Christi überhaupt etwas mit Phantastik zu tun? Aber ja! Phantastik erwächst aus unserer Vorstellungskraft, und kaum irgendwo sonst sind wir dem Phantastischen näher als in unserem Glauben, da der Glaube in die reale Welt hineinreicht. Ohne Fantasie gäbe es keinen Gott, denn Gott lässt sich nicht beweisen. Gott muss man fühlen. Er zeigt sich uns niemals offen, sondern lebt als allgegenwärtiger Geist in unserem Herzen. Daher ist er mehr, als hypothetische, dem Menschen überlegene außerirdische Wesen, selbst wenn sie so immens mächtig wären, wie Q aus Star Trek.
Zudem steht Ostern vor der Tür. Also wird es Zeit einen schicken Jesus-Film zu betrachten, und zwar einen außergewöhnlich Klugen. Den kann ich auch jenen empfehlen, die sich normaler Weise nicht für das Neue Testament interessieren. Selbst für Atheisten kann er ein interessantes Gedankenexperiment sein. Die letzte Versuchung Christi hat konservativen Christen und Religionshütern Schnappatmung beschert (Jesus vögelt? Blasphemie! – Judas und Jesus eng befreundet? Grundgütiger Gott!).
Achtung! Hier wird es zu Spoilern kommen!
Echter Mensch und Gottes Sohn zugleich
Tatsächlich ist der Film bei manchen Leuten und Institutionen nicht besonders beliebt. Gegner werfen dem Film vor, Jesus verkomme zu einem lüsternen Schwächling. Und tatsächlich scheint es so, dass Jesus oft gar nicht weiß, was er überhaupt will. Mal predigt er, Liebe sei die allumfassende Lösung für unsere Probleme, dann sehnt er sich nach der Axt. Er will Jerusalem erobern, dann lieber doch nicht, denn ein Geistesblitz (Gott) eröffnet ihn, dass sein Weg nicht der des Schwertes ist. Er flieht, die Wachen metzeln jene nieder, die bereit gewesen wären mit ihm zu kämpfen.
Aber Jesus ist nicht schwach, sondern zerrissen. Denn am liebsten würde er mit dem Schwert alle Römer aus Palästina vertreiben. Gott jedoch hat andere Pläne. Das schwierige Verhältnis zu Gott wird schon in den ersten Filmminuten deutlich. Jesus möchte kein Auserwählter Gottes sein. Gott solle sich einen anderen suchen. Daher hilft er den Römern Aufständische oder jene, die in deren Augen Verbrecher sind, zu kreuzigen. Als Zimmermann fertig er Kreuze an und trägt sie bis zum Hinrichtungsplatz. Er wolle am liebsten alle Gefolgsleute Gottes kreuzigen, jammert Jesus verzweifelt. Gott soll erkennen, dass er nicht der Richtige ist, dass er schon gar nicht der Messias ist!
Doch irgendwann, während seiner Reise durch die Wüste, akzeptiert er Gottes Auftrag. Gerade rechtzeitig, denn Judas hat von den Zeloten den Auftrag bekommen Jesus zu töten. Doch Jesus kann Judas überzeugen, dass er nun nach dem Willen Gottes handelt. Judas schließt sich ihm an, zuerst misstrauisch, doch während ihrer gemeinsamen Reise werden sie unzertrennliche Freunde. Und tatsächlich ist Judas für mich der größte Sympathieträger des Films.
Eine andere bekannte Figur des Neuen Testaments, Maria Magdalena, kennt Jesus schon seit Kindheitstagen. Schon immer waren die beiden ineinander verliebt. Dass Jesus sich am Ende Gott zuwendet, bricht ihr das Herz.
Jesus bleibt jedoch weiterhin zerrissen. Genau diese Zerrissenheit am Ende doch noch zu heilen, und seine Bestimmung anzunehmen, das ist die wahre Größe dieser Jesus-Figur.
Jesus muss mit allen Stärken und Schwächen, Hoffnungen und Ängsten die uns Menschen ausmachen klarkommen. In keinem mir bekannten Jesus-Film wurde er nahbarer und menschlicher dargestellt. Jesus ist einer von uns, und trotzdem, dank eines grandiosen Willem Dafoe, ungeheuer charismatisch.
Er ist nicht so unnahbar wie z. B. in König der Könige oder Die Größte Geschichte aller Zeiten. In diesen wohl bekanntesten Jesus-Filmen ist Jesus eher ein Ideal, ein Impuls des Lichts, anstatt ein Mensch. Doch wenn es Gottes Wunsch ist, ein Mensch zu sein, muss er auch das Menschliche an eigenem Leib und Geist erleben. Daher ist Jesus‘ Wunsch nach einer Familie, nach Frau und Kindern, nach einem ganz normalen Leben, absolut nachvollziehbar. Hier ist Jesus der lebendige Gott der alle Freuden und Leiden des Menschseins auskosten möchte, damit Gott wahrlich den Menschen näherkommt, und somit einen Bund mit ihnen eingehen kann. Nichts anderes ist Christus letztendlich: Eine Verschmelzung des Göttlichen mit dem Menschlichen.
Die letzte Versuchung
… und die ist gewiss des Teufels würdig. Die vorangegangenen Versuchungen waren nur ein Schatten davon. Ein Großteil des Films zeigt prominente Szenen des Neuen Testaments. Jedoch ist das Werk von Martin Scorsese keine moderne Adaption des Neuen Testaments und will auch nicht als solche verstanden werden. Vorlage hier ist der Roman Die letzte Versuchung des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis von 1951.
Im Augenblick der letzten Versuchung entfernt sich die Handlung komplett vom Neuen Testament und geht einen völlig losgelösten Weg.
In der letzten Versuchung hat Satan die engelsgleiche Gestalt eines jungen, wunderschönen, langgelockten Mädchens angenommen, das sich als sein Schutzengel vorstellt. In dieser Gestalt kann Satan den ans Kreuz geschlagenen Jesus davon überzeugen, dass er nicht der Messias sei, dass Gott in seiner Güte ihm das Leben schenkt, und dass sein Leiden nun ein Ende hat.
Satan befreit ihn vom Kreuz, führt ihn zu Maria Magdalena, die ihn gesundpflegt. Jesus heiratet Maria Magdalena. Sie wird schon bald schwanger. Jedoch stirbt sie bevor sie das Kind zur Welt bringen kann. Der Teufel tröstet den zerstörten Jesus: „Es gibt nur eine Frau mit vielen Gesichtern.“
Er führt Jesus zu Maria, Schwester des Lazarus. Schon bald heiratet er auch die, und mit ihr gründet Jesus eine große Familie.
„Mein Jesus ist viel stärker als deiner!“
Die Jahre vergehen. Es kommt zu einer legendären Begegnung, meiner Ansicht nach die wirkungsvollste Schlüsselszene des Films. Eines Tages trifft Jesus den eifrigen Missionar Paulus von Tarus. Jesus hört, wie der verkündet, dass er Jesus Christus getroffen habe. Saulus, ein Sünder, sei er gewesen, der die Anhänger des Messias verfolgt und getötet hat. Doch dann sei ihm Jesus Christus erschienen. Er habe ihn bekehrt und nun verbreite er als Paulus dessen Botschaft. Die Botschaft jenes Gottessohns, der am Kreuz für die Sünden der Menschen gestorben – und am dritten Tage auferstanden ist.
Jesus ist außer sich. Es kommt zum Wortgefecht zwischen den beiden. Er schimpft Paulus einen Lügner, denn er sei Jesus und er sei nie am Kreuz gestorben. Paulus glaubt ihm, doch es ist ihm am Ende egal, denn sein Jesus, sei mächtiger als der wirkliche Jesus. Paulus ist froh, Jesus getroffen zu haben, denn nun kann er mit Jesus den Menschen abschließen und sich nur noch auf seine Missionierung konzentrieren. Paulus ist überzeugt, dass die Menschen seinen neuen Glauben brauchen.
Ab da dämmert Jesus zum ersten Mal, dass die Menschheit einer großen Lüge verfällt. Da Jesus nie am Kreuz gestorben ist, ist der Glaube an Christus ein großer Schwindel. Es gibt keinen Messias, der für die Sünden der Menschen gestorben ist. Jedoch dauert es noch viele Jahre, bis zu dem Zeitpunkt, da er auf dem Totenbett liegt, bis ihm endgültig die Augen geöffnet werden.
Jesus und Judas – Wer verrät wen?
Bevor Jesus im Garten Gethsemani von den Römern ergriffen und zu Pontius Pilatus (sehr kultig: David Bowie) geschleppt wird, bittet er Judas innig ihn zu verraten. Judas ist entsetzt. Doch Jesus meint, er müsse am Kreuz sterben, damit der die Menschheit erlösen könne. Sein Vater wolle es so. Jeder von ihnen habe eine Aufgabe. Die von Jesus sei es, am Kreuz zu sterben, die schwerere von Judas jedoch sei es ihn, seinen Freund zu verraten. Judas lässt sich schweren Herzens darauf ein.
Hier stellt die bibelferne Geschichte zwischenmenschlich positive Ansätze für den Verrat von Judas vor. Das gefällt mir persönlich besser, als den Charakter zum stumpfen Verräter zu deklassieren. Es passt auch besser zu dem komplexen Menschen, der Judas vielleicht gewesen ist.
Nicht Petrus ist also der engste Verbündete, sondern der Verräter Judas. Dementsprechend erzürnt ist Judas, als er viele Jahre später erfahren muss, dass Jesus noch lebt (Judas hat sich hier nicht erhängt).
Er begrüßt Jesus auf dem Totenbett daher mit einem harten Wort: „Verräter!“ Dann fragt Judas den sterbenden Jesus was er hier mache, und warum er nicht am Kreuz gestorben sei. „Was hat deine Aufgabe mit Frau und Kindern zu tun?“
Petrus will schlichten, doch Judas ist außer sich. Jesus versucht seinem Freund zu erklären, dass er von seinem Schutzengel gerettet worden sei. Da enttarnt Judas den Engel. Satan wird offenbar. Nun erkennt Jesus welch böser Versuchung er erlegen ist.
Wenn er als einfacher Mensch stürbe, hätte der Teufel gewonnen. Dann würde eine Religion entstehen, gebaut auf Lügen und Verrat. Das Bündnis zwischen Menschen und Gott käme nicht zustande. Ein letztes Mal bäumt Jesus sich auf und schleppt sich vom Sterbebett hinunter. Aber ob die Zeit noch reicht?…
Fazit
Der Film reißt den Zuschauer in die Zeit Jesus‘. Glaubwürdiges Setting, hervorragende Schauspieler und ein großartiger Soundtrack von Peter Gabriel bringt uns das (andere) Leben des Messias zu jener Zeit näher. Weniger relevant sind die damaligen Unruhen und politischen Intrigen, die darzustellen in ähnlichen Historienfilmen der 60er Jahre Wert gelegt wurde. Scorsese versucht eher das Innenleben seiner Protagonisten in den Fokus zur rücken, allen voran das von Jesus und Judas.
Die letzte Versuchung Christi lädt geradezu ein, sich in Ruhe Gedanken über die Menschen und ihren Glauben zu machen. Wie tief ist der Glaube, wie lebendig sind Religionen auf denen der Glaube beruht?
Ist der tatsächliche Jesus ein Mensch gewesen, dessen Lehren man gebraucht / missbraucht? Ist die auf ihn beruhende Religion nur eine Lüge? Oder ist er das Bindeglied zwischen Gott und uns?
Die letzte Versuchung Christi zeigt beide Versionen (einfacher Mensch und Messias) von einem Jesus / Gott der verzweifelten versucht seinen Platz unter den Menschen zu finden. Daher kann ich tiefgläubigen Christen den Film weniger empfehlen, weil er tatsächlich religiöse Gefühle verletzen könnte.
Mich hat dieser Film inspiriert, mir lange Gedanken über das Christentum zu machen und mir gezeigt, wie seltsam diese Religion zuweilen ist. Ein zu menschlicher Jesus, der Fehler begeht oder körperlich liebt wird von der Kirche verurteilt, während ein Film wie Die Passion Christi von ihr Großteils gefeiert wird.
Mel Gibsons Werk ist eine einzige Folterorgie. ‚Torture Porn, würde man es nennen, hätte es nicht Jesus zum Thema, denn man hat das Leiden des Messias reduziert auf seine körperlichen Qualen. Und diesen Qualen daher jedes höheren Hintergrunds beraubt.
Kein psychisches Leiden, keine Zerrissenheit wie in Die letzte Versuchung Christi ist mir in Erinnerung geblieben. Nur der extreme körperlicher Schmerz. Und das so sehr zur Schau gestellt, dass mir einmal kurzzeitig übel geworden ist. Das ist mir davor nicht passiert, und auch danach nie wieder – obwohl ich schon einiges auf der Leinwand gesehen habe.
Diese Bilder sollen mir also das Leiden Christi näherbringen? Sind wir schon so verroht, dass wir solche Bilder brauchen, um den Schmerz eines anderen Menschen nachempfinden zu können – um Gottes Schmerz nachempfinden zu können? Trotzdem wurde ein Theologe ins Kino gesandt, um uns vor Beginn des Films zu erklären, welchen cineastischen Schatz wir bald genießen dürfen.
Und auch diese gegensätzliche gesellschaftliche Bewertung der beiden Filme hat mich zum Nachdenken gebracht. In diesem Sinne, frohe Ostern.
Originaltitel: The Last Temptation of Christ. Geschichte, Drama, Religion. USA 1988. 164 Minuten. Regie: Martin Scorsese, Alexander Temple. Drehbuch: Paul Schrader. FSK 16