Michael Sagenhorn/ Januar 4, 2026/ Kino und Film/ 0Kommentare

Ehre, wem Ehre gebührt! Leider konnte ich in den letzten Jahren am Marvel Cinematic Universe nicht mehr viel Gutes erkennen. Gerade mal Guardians of the Galaxy Vol. 3 stach noch positiv heraus und bot für mich einen gewissen Unterhaltungswert. Alles andere, egal ob Serien oder Kinofilme, bewerte ich bestenfalls als belanglos, im schlechtesten Fall als kreatives Ausschussprodukt einer ehemals gefeierten Marke.

Seit Dr. Strange 2 habe ich mit dem MCU bereits emotional abgeschlossen, und ich hatte auch meistens richtig gelegen, wenn ich den nächsten Tiefpunkt prophezeite, der an den Kinokassen, oftmals völlig zurecht, in einem finanziellen Debakel endete. Auch Thunderbolts* wurde ein mächtiger Flop! Aber, wie ich sagte: Ehre, wem Ehre gebührt! Zu meiner großen Überraschung landete Marvel Studios diesmal den Flop völlig zu Unrecht, wie ich denke!

Dabei ist mein Gang ins Kino nur eine Notlösung gewesen, weil auch bei anderen Filmen der Notstand ausgebrochen ist. Bei der grandiosen Auswahl an sensationellen Streifen hätte ich lieber Butterblümchen beim Welken zugesehen, die in einen ausgelatschten Turnschuh gepflanzt worden sind. Das wäre spannender gewesen. Jedoch wollten wir an diesem Tag unbedingt ins Kino. Also einmal tief durchgeatmet und Karten für Thunderbolts* gekauft.
Viel erwartet hatten wir nicht, auch wenn die meisten Rezensionen positiv ausgefallen sind – aber mal ehrlich! Wer vertraut schon Rezensionen? Zwinker. Viel zu oft sind wir von den vergangenen Marvel-Produktionen enttäuscht worden. Zudem sind die Protagonisten …

… die Ersatzbank der Ersatzbank

Der Film begann auch so lahm und vorhersehbar wie erwartet. Die ersten 15 Minuten sind typischer Marvel Schema-F-Kram, in dem wir Yelena Belova näher kennenlernen müssen, die neue Black Widow, Adoptivschwester von Black Widow, Natasha Romanoff und ein bisher völlig belangloser C-Riege-Charakter.

Kurz zur Erläuterung: Zur Marvel A-Riege gehören für mich Charaktere wie Iron Man, Thor, Spider-Man … Zur B-Riege gehören meines Erachtens die bisherige Black Widow, Hawkeye oder Nick Fury.

Die C-Riege besteht eigentlich aus Ablegern von Ablegern, aus unrelevanten Sidekicks oder Möchtegern-Badasses. Fünf davon lernen wir in Thunderbolts* näher kennen. Kein Wunder, dass so etwas niemand im Kino sehen möchte. Hier wäre es tatsächlich besser gewesen, wir hätten ein völlig neues Filmuniversum vor uns, damit die Charaktere eine faire Chance bekommen, sich dem Publikum vorzustellen.

Photo courtesy of Marvel Studios. © 2024 MARVEL.

Ihren ersten Auftritt hatte Yelena bereits im Film Black Widow. Neben dieser neuen Black Widow gibt es ihren Adoptivvater Alexei Shostakov, der Red Guardian, ein ähnlicher Supersoldat wie Captain America, nur auf Russisch. Auch der wird im Film Black Widow eingeführt.

Ein weiterer Supersoldat im Stile Captain Americas darf der Abwechslung wegen nicht fehlen: Bucky Barnes, der Winter Soldier. Bucky ist bereits ein alter Bekannter, der in diversen MCU-Filmen und -Serien seinen Auftritt hatte. Er ist kein unsympathischer Kerl.

Noch einen Captain America gefällig? Na, klar! Ist es Steve Rogers? Ist es Sam Wilson? Nein, es ist John Walker, ein U. S.-Agent, der Übergangs-Captain aus der Serie The Falcon and the Winter Soldier.

Die letzte im Bunde ist Ava Starr, alias Ghost. Man kennt sie beiläufig als Antagonistin, wenn man Ant-Man and the Wasp gesehen (und nicht vergessen) hat.

Handlung

Yelena hat genug von ihrem Job. Sie arbeitet für Valentina Allegra de Fontaine, der fragwürdigen CIA-Direktorin, als willfährige Agentin und Killerin.

Dabei möchte sie mehr vom Leben, möchte ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, wie seinerzeit ihre Schwester. Als sie Yelena Valentina davon erzählt, bietet die ihr an, ihr bei der Erfüllung dieses Traumes behilflich zu sein und sie gehen zu lassen. Jedoch hat sie noch eine letzte Aufgabe für Yelena: Sie soll einen Bunker der O. X. E. Group überwachen, nach einem Eindringling Ausschau halten und ihn töten.
Yelena stimmt zu. Valentinas gibt ihr den Code für den Bunker. Dort trifft Yelena nicht nur auf ihr Ziel, sondern auch auf weitere hochtalentierte Killer, die ebenfalls Zugang zum Bunker erhalten haben. Darunter der Supersoldat John Walker und die misstrauische Ava Starr, die die Fähigkeit besitzt, ihren Körper zu dematerialisieren. Zuerst bekämpfen sich die Agenten, bis sie schließlich merken, dass jeder von ihnen einen anderen von ihnen töten soll.

Photo courtesy of Marvel Studios. © 2024 MARVEL.

Zudem taucht auch noch Bob Reynolds auf, ein zurückhaltender, seltsamer Mann, der sich nicht erinnern kann, wie er in den Bunker gekommen ist. Die vier merken, dass sie in eine tödliche Falle geraten sind. Valentina hat den Entschluss gefasst, die drei verbliebenen Killer zu beseitigen, da der US-Kongress einen Untersuchungsausschuss ins Leben gerufen hat, um ein Amtsenthebungsverfahren gegen sie einzuleiten.

Valentina war Kopf eines geheimen Projekts namens Sentry. Bei diesem Projekt geht es darum, Metamenschen zu erschaffen. Mit der Beseitigung von Yelena, John und Ava möchte Valentina ihre Spuren verwischen.

Als den Agenten und Bob die Flucht aus der Falle gelingt, beginnt eine gnadenlose Jagd. Doch sie bleiben nicht allein. Mit Alexei Shostakov und Bucky Barnes schließen sich weiter Verbündete an und so gründen sie ein neues Team: die Thunderbolts! Keiner von ihnen kann jedoch ahnen, dass Bob gefährliche Kräfte besitzt …

Zwischen Superheld und Actionheld

Es steht ja schon oben. Die Protagonisten sind nicht unbekannt, sondern stammen aus verschiedenen MCU-Filmen und -Serien. Auch das kann auf Kinogänger abschreckend wirken und ein weiterer Grund sein, warum Thunderbolts* eine der erfolglosesten MCU-Produktionen wurde. Müssen Kinobesucher nun auch für die C-Riege ein Disney-Plus-Abo abschließen, um vorher unzählige Serien und Filme nachzuholen, um überhaupt die Handlung zu verstehen?
Hier die gute Nachricht: Nein, Pflichtlektüren sind nicht notwendig. Man kann der Handlung und den Motiven der Figuren recht gut folgen, ohne das andere Filmmaterial zu kennen.

Zur zeitlichen Einordnung: Die Handlung spielt nach Captain America: Brave New World. Sie ist aber sehr viel unterhaltsamer als der vierte Teil, in dem der neue Captain seinen ersten Filmauftritt als Captain hat.

Weder Regisseur Jake Schreier noch Drehbuchschreiber Eric Pearson können auf eine beeindruckende Filmografie zurückblicken. Trotzdem sind sie ein wichtiger Teil eines der meiner Ansicht nach solidesten neueren Werke des MCU.

Photo courtesy of Marvel Studios. © 2024 MARVEL.

Hier gibt es keine Avengers oder ähnliche Größen des Superhelden-Kosmos. Die Figuren haben zwar zum Teil übermenschliche Kräfte, sind aber eher an normalen Actionfilm-Charakteren angelehnt.

Yelena und John stechen hierbei hervor, da wir diese beiden etwas besser kennenlernen dürfen. John hat Probleme, in seine Vaterrolle hineinzuwachsen, und ist trotz seiner Kräfte ein eher unsicheres Kerlchen. Sein geringes Selbstwertgefühl zeigt sich in einer Szene besonders deutlich: Als Bob darüber lacht, dass ein A*loch wie er einmal Captain America gewesen sei, geht John ihm an die Kehle, anstatt diesen Spott mit einem lockeren Spruch zu quittieren. Bob hingegen zeigt schon hier Mut, da er, der vermeintliche Clown der Truppe, kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es darum geht, dem vermeintlich Stärkeren die Meinung zu sagen.

Doch gerade Johns Schwächen machen ihn in diesem Fall für mich nahbarer als die wirklichen Captain Americas Steve und Sam, die lediglich personifizierte Ideale repräsentieren.
Yelena, auf der anderen Seite, ist beladen von Schuld, da sie bereits im Kindesalter zu einer Killerin gedrillt worden ist und in diesem Zuge sogar für die Misshandlungen und den Tod anderer Kinder verantwortlich ist. Zwar kann ich nicht behaupten, dass ich Yelena sonderlich mag, aber trotzdem bekommt ihr Charakter dadurch eine interessante Note und gewinnt an Profil.

Endlich wieder ein interessanter Gegner

Am meisten hat mich überrascht, dass das MCU nach langer Zeit wieder einen interessanten Gegenspieler auf die Beine stellt. Nicht Valentina. Die CIA-Direktorin ist typische Schablonenware, die vom Traumfabrikfließband in die Fertigungsauffangtonne fällt, ohne je eine Qualitätskontrolle durchlaufen zu haben. Plumps! Wieder ein Bösewicht-Püppi fertig. Valentina hat mich schon in früheren Auftritten nicht interessiert und ist schnell wieder vergessen.

Ganz anders verhält es sich mit Sentry. Die Thunderbolts, also die Ersatzbank, bekommen es mit einem Gegner zu tun, der so stark ist, dass er sogar DCs Superman in Bedrängnis bringen könnte. Das ist keine schlechte Idee, denn es heißt ja: Jeder Held ist nur so spannend wie seine Gegner.

Doch schier grenzenlose Macht ist nicht Sentrys eigentliche Stärke. Sentry führt einen Kampf gegen sich selbst. Auch ihn lernen wir etwas besser kennen, auch sein Lebensweg war nicht leicht und von Gewalt und Drogenmissbrauch geprägt. Hier geht es nicht darum, dass ein supermächtiger Superheld auf einen supermächtigen Superschurken trifft, und beide sich vor beeindrucktem Publikum (uns) mit ihren Kräften überbieten.

Photo courtesy of Marvel Studios. © 2024 MARVEL.

Es geht nicht darum, wie Funkemariechen Captain Marvel mit ihren Kräften eine Sonne wiederherstellt und damit zur Retterin einer ganzen Spezies wird, oder – noch schlimmer – um eine vollkommen aus dem Drehbuch-Ruder gelaufene overpowerte G’iah aus Secret Invasion, die von einer Maschine großzügig mit Kräften diverser Superwesen ausgestattet worden ist, darunter Captain Marvel, Hulk, Thanos, Thor, Abomination und viele, viele mehr. Mit so einer Heldin zittert man doch gleich mal gerne mit.

Sentrys wahre Superkraft hingegen, ist nicht seine grenzenlose Stärke, sondern die Überwindung seiner Selbstzweifel und seiner Einsamkeit in einem vom Drogenkonsum dominierten Leben, denn im Gegensatz zu Cpt. Marvel oder G’iah war er nie ein Held des Alltags, auch wenn er versuchte, so ein Held zu sein. Die Thunderbolts unterstützen Sentry dabei, sich selbst zu finden. Zudem! Gerade als Schatten macht Sentry auch optisch was her.

Das alles macht Sentry, gespielt von Lewis Pullman, für mich zu einem der besten Marvel-Filmantagonisten, nach Willem Dafoes Grüner Kobold, Alfred Molinas Doc Ock und Josh Brolins Thanos.

Fazit

Thunderbolts* hat mich überrascht! Der Film ist gut gemachtes Popcorn-Kino, das stellenweise sogar mit Subtexten punkten kann. Kleinere, zeitlose Weisheiten werden unaufdringlich nähergebracht, ohne die Handlung zu stören oder irgendeiner ideologiegetriebenen Agenda zu folgen.

Obwohl jeder Protagonist seinen ersten Auftritt in anderen Produktionen hatte, ist das kleine Kunststück gelungen, einen Plot zu kreieren, der völlig für sich alleine steht. Allen Actionfans und Fans des alten MCU kann ich diesen Film empfehlen.

Thunderbolts* ist auf Blu-ray und DVD erhältlich und kann auf Disney Plus gestreamt werden.

Bildquelle: ©The Walt Disney Company Germany GmbH

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Über Michael Sagenhorn

Im bürgerlichen Leben: Michael Schnitzenbaumer, lebt in Poing bei München, mit seiner Frau Steffi und seinen beiden Kindern Tatjana und Sebastian. Beruflich ist er als Webentwickler tätig, und natürlich auch als Grafiker und Illustrator. Neben den Hobbys 'Fotografie', 'Reisen und 'Kochen' liest er für sein Leben gerne phantastische Romane. Sofern es seine Zeit zulässt, spielt er auch mal gern ein Computerspiel. Was ich mag! Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Empathie, Romantik - Ohrenstöpsel und Tante Gretels Apfelkuchen. Was ich nicht mag! Verrat, Geldgier (obwohl ich gegen Geld oder Reichtum gar nichts einzuwenden habe), Egomanie - früh aufstehen.

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