
Fallen wir gleich mal mit der Türe ins Haus: Diese Serie ist nicht gut! Leider! Würde ich alle Gründe dafür aufzählen, würde das diesen Artikel sprengen. Daher beschränke ich mich auf die für mich wesentlichen Punkte.
Dabei hatte ich so gehofft, wenigstens ein Werk von ähnlicher Qualität wie den letzten Kinofilm zu sehen. Die Hoffnung war nicht ganz unberechtigt, denn neben dem Xenomorph gibt es diesmal weitere gefährliche außerirdische Wesen: mysteriöse Pflanzenkreaturen, die eine latente Bedrohung ausstrahlen, blutsaugende Zeckenwesen oder tödliche Fluginsekten. Dann gibt es noch Glubschi. Den Kosenamen von Mike Glukowski (Monster AG) zu verwenden, liegt nicht so fern. Die Ähnlichkeit zwischen Mike und dem Wesen, das in Fachkreisen eigentlich Trypanohyncha Ocellus genannt wird, ist doch groß: Ein Auge mit Gliedmaßen. Zu Glubschi und seinen Freunden komme ich später.
Auch von den im Grunde interessanten künstlichen Humanoiden gibt es jetzt mehrere Sorten: Cyborgs (Menschen mit erweiterter Kybernetik), Synths (die gewohnten Androiden im Alien-Kosmos), Hybriden (synthetische Körper, denen ein menschliches Bewusstsein implantiert worden ist).
Zudem kommen die Aliens uns auf der Erde besuchen. Na, da sollte doch genug Stoff für ein spannendes Drehbuch zusammenkommen. Aber die erste Ernüchterung trat bei mir schon ein, als ich erfahren habe, dass die Handlung im Jahr 2120 spielt, also zwei Jahre bevor die Besatzung der Nostromo dem Xenomorph begegnet (Alien).
Das bedeutet: Nix mit globaler Alieninvasion und so weiter. Von vornherein ist klar, dass der Erdkontakt des Aliens kaum Auswirkungen haben – und schon gar nicht in einem Untergangsszenario enden wird. Das raubt die Spannung enorm. Die restliche Spannung bleibt auch nicht lange bestehen.
Achtung! Hier wird es zu Spoilern kommen!
Handlung
Die kleine, todkranke Marcy wird von Prodigy, einem der fünf großen Unternehmen, die die Erde kontrollieren, für ein ungewöhnliches Experiment ausgewählt. Der CEO von Prodigy, Boy Kavalier, arbeitet auf einer einsamen tropischen Insel mit einem Team Wissenschaftlern an einer Möglichkeit, den menschlichen Geist in einen künstlichen Körper zu transferieren.
Dafür braucht Boy Kavalier Testpersonen. Kinder scheinen die idealen Kandidaten zu sein. Das Mädchen Marcy wird bei dieser ‚Geistestransplantation‘ erfolgreich in einen erwachsenen Androidenkörper übertragen. Kavalier tauft die frischgeborene Cyberfrau um, in ‚Wendy‘, nach der gleichnamigen Figur aus der Geschichte Peter Pan, für die der CEO ein Faible hat.
Auch andere Kinder werden erfolgreich diesem Prozess unterzogen, so dass sich die Zahl der erwachsenen Kinderroboter auf sechs erhöht. Die sogenannten Hybriden bilden von nun an ein Team, das von Kirsh, einem Synth, der zugleich ihr Mentor ist, angeführt und ausgebildet wird.
Bald darauf ereignet sich ein Unglück in der Stadt Prodigy City. Ein Weyland-Yutani-Forschungsraumschiff stürzt scheinbar führerlos in einen Tower. Kavalier beschließt, den Vorfall zu untersuchen. Auch Wendy wird auf das Unglück aufmerksam, da ihr Bruder, den sie seit ihrer Verwandlung über Kameras beobachten darf (ein direkter Kontakt ist nicht erlaubt), zum Rettungstrupp gehört, der das Raumschiff untersuchen soll.
Wendy möchte ihrem Bruder helfen und überzeugt Kavalier, sie und die anderen Kinder zum Raumschiff zu schicken. Schließlich sind ihre übermenschlich starken, synthetischen Körper in der Lage, allen Gefahren zu trotzen. Was jedoch keiner von ihnen ahnt: Auf dem Schiff hat die Weyland-Yutani Corporation tödliche außerirdische Organismen gesammelt, die sich aufgrund von Nachlässigkeiten der an Bord befindlichen Forscher befreien konnten …
Peter Pan – Ein verlorener Versuch, die Geschichte durch Metabotschaften zu vertiefen
Schon in der ersten Folge macht Alien: Earth klar, dass sich die Serie an die Geschichte von Peter Pan anlehnt. So heißt der Titel, der ersten Folge: ‚Nimmerland‘. Nimmerland, Boy Kavaliers tropische Insel, ist einer der Hauptschauplätze von Alien: Earth. Sie wurde nach Peter Pans fantastischer Märcheninsel benannt, dort, wo Peter Pan mit den verlorenen Jungs zusammenlebt.
Auch der Name des CEOs, ‚Boy‘, ist eine plumpe Anspielung auf einen Menschen, der im Grunde ein Kind sein möchte und auch teilweise so handelt, als würden ihn die daraus folgenden Konsequenzen nicht kümmern. Dabei bemüht sich die Serie verzweifelt, Boy als kindlich naiv scheinenden Charakter darzustellen. Das wirkt teilweise sehr skurril und lädt eher zum Fremdschämen ein, besonders zum Ende hin, wenn er sich z. B. nach seiner Gefangennahme darüber echauffiert, dass man ‚so‘ nicht mit ihm sprechen darf, oder er geradezu belustigt erzählt, dass er seinen Vater umgebracht habe.
Boy überträgt das Bewusstsein der Kinder also auf Hybriden. Bei dieser Übertragung dürfen sich die Kinder einen Zeichentrickfilm von Peter Pan ansehen, natürlich das berühmte Disney-Meisterwerk, und ich frage mich, ob dieser Einbau ein kluger Schachzug von Disney – oder einfach plumpe Werbung für Disney ist.
Boy Kavalier sieht sich als den ewigen Jungen Peter Pan, er liest uns sogar eine der schönsten Passagen der Geschichte vor, und die Kinder sind seine verlorenen Jungs, die ebenfalls nie erwachsen werden, bzw. deren Körper sich nicht mehr verändert. Die Macher wollen die Integration von Peter Pan vielleicht als kluge, höhere Aussage verstanden wissen, und Alien: Earth eine Ahnung von beständigen Werten mitgeben. Erreicht haben sie aber nur, ihre Serie in diesem Punkt ungewollt zu einer Groteske zu verzerren.
Kavalier hat nichts von Peter Pan. Ja, der Milliardär ist unreif und hat keinerlei Manieren. Er ist jedoch nur das typische Beispiel eines verwöhnten, verpäppelten Erwachsenen, der mitnichten ein Kind bleibt, sondern einfach nur älter wird, ohne geistig zu reifen. Und als wollte man uns Zuseher darüber hinaus noch verhöhnen, versucht man uns Kavalier als einen der intelligentesten Köpfe des Erdballs zu verkaufen.

An dem CEO haftet auch nicht die mystische Tragik eines Peter Pan. Peter bezahlt für seine ewige Kindheit einen schrecklichen Preis, denn es gibt einen Grund, warum er nicht nur körperlich, sondern auch mental immer ein Junge bleibt: Er vergisst alles, was nicht ewig ist. So vergisst er auch jene, die er einst geliebt hat oder die eine wichtige Rolle in seinem Leben spielten. Er vergisst Hook, Wendy, selbst Glöckchen. Peter ist sich dieses schrecklichen Preises nicht einmal bewusst, sondern er lebt sein kindliches Abenteuer-Dasein weiter.
In dieser Figur steckt zeitlose Bedeutsamkeit. Boy Kavalier hingegen ist nur ein unverschämtes, verzogenes Balg, das nicht zu längerem gedanklichen Verweilen einlädt.
Ebenso schlägt der Versuch fehl, aus den verlorenen Jungs eine Parabel zu den Hybriden zu machen. Zum einen sind die Schauspieler nicht gut genug, um in die Rollen von Kindern zu schlüpfen, denn sie benehmen sich einfach nur unangenehm künstlich und unreif, ohne wirklich wie Kinder zu wirken. Zum andern passt das Gleichnis auch nicht, denn die Hybriden sind ungeachtet ihres mechanischen Körpers durchaus in der Lage, auch geistig zu reifen, ganz im Gegensatz zu den verlorenen Jungs in Nimmerland.
Zu dem Thema ‚erwachsene Schauspieler stellen Kinder dar‘ hätten sich die Macher vielleicht einmal Hook von Steven Spielberg als Lehrmaterial zu Gemüte führen sollen. Robin Williams wusste, wie man als Erwachsener ein Kind verkörpert. Auch hier hat Peter vergessen, nur diesmal bezieht sich das Vergessen auf die Tatsache, dass er einmal Peter Pan gewesen ist. Aber sobald er sich in der zweiten Hälfte des Films daran erinnert, dreht Robin Williams auf, ganz so, als ließe er sich von seinem eigenen inneren Kinde leiten. Na, ja! Vielleicht ist es unfair, die mittelmäßigen Schauspieler der Serie mit dem großen Robin Williams zu vergleichen.
Unlovely Wendy
Als junge Marcy, die tapfer ihre Krankheit erträgt, war mir die Figur noch sympathisch. Das ändert sich schlagartig, nachdem Marcy als erste Testperson den künstlichen Körper erhalten hat.
Sie heißt jetzt Wendy, weil Boy es so will. Auch die anderen Kinder werden später Namen von Peter Pan-Charakteren erhalten.
Nur selten hat mich eine Figur von Anfang an so sehr abgestoßen wie diese Wendy. Seltsam ist, dass ich nicht einmal richtig greifen kann, was genau mich abstößt, denn zu Beginn wollte ich die Figur eigentlich mögen, gerade weil ich Marcy ansprechend fand. Sind es die vom Drehbuch auferzwungenen Fragen über ihren neuen Körper, die sie im Grunde schon vor der Verwandlung hätte stellen müssen? Ist es ihre stellenweise angeberische Art, den anderen Kindern gegenüber, ist es die Kaltschnäuzigkeit, mit der sie zuweilen dem Forscherteam begegnet? Ist es das teilweise unangenehme Overacting der Schauspielerin? Oder ist es ein bisschen was von allem?

Egal! In der letzten Folge verliert Wendy ohnehin so viel an Bodenhaftung, dass die Figur nicht mehr zu retten ist. Wer hat es für eine gute Idee gehalten, diesen Charakter ganz ohne Charakterentwicklung zu einer Art Cybergottheit zu erheben? Am Ende kann Wendy einfach alles mit einem Wimpernklimpern wie Bezaubernde Jeannie persönlich: Sie hat volle Kontrolle über die Systeme und kann andere Roboter steuern, wie es ihr beliebt. Dementsprechend öffnet sie auch gesicherte Türen mit einem Fingerschnipp. Der Xenomorph steht übrigens quer bei Fuß und gibt Pfötchen. Allein das Schwanzwedeln fehlt.
Warum kann sie plötzlich die gesamte Einrichtung kontrollieren, aber die anderen Hybriden nicht? Mit solchen Details wollen uns die Macher nicht beladen (oder ich habe diese Erklärung einfach verpennt). Sie ist eine Alleskönnerin, nur eines kann sie nicht: der originalen Wendy aus Peter Pan das Wasser reichen.
Die anderen Figuren, die Kinder, Wissenschaftler, Wendys Bruder, der Cyborg etc., sind so belanglos, dass ich mir nähere Ausführungen spare. Ein kurzer Satz noch zu dem Synthetischen Kirsh, der der Mentor und Vorgesetzte der Kinderroboter ist. Kirsh ist im Prinzip nicht ganz misslungen, aber den Charakter haben sie meines Erachtens aus der Serie Space 2063 geklaut. Kirsh hat sehr viel Ähnlichkeit mit T. C. McQueen (James Morrison). Selbst vom Aussehen her erinnert mich Kirsh an Lieutenant Colonel McQueen, der ebenfalls (militärischer) Vorgesetzter und Mentor seiner Serienfiguren ist.
Das Alien und seine Kollegen
Ach ja! Aliens! Aliens gibt es bei Alien: Earth natürlich auch. Wendy gewinnt das Vertrauen eines frisch geschlüpften Xenomorphen, da sie die Aliensprache versteht und mit ihm Klick-Dingsen kann (Wendy ist schon ein Tausendsassa!). ‚Klick-Dingsen‘ nenne ich es, weil sie sich mittels Klicklauten austauschen. Dabei vergisst die Kamera nicht, gerade zum Ende hin jedes Mal den Mund von Wendy in Großaufnahme zu zeigen, damit wir auch ja erkennen, dass sie sich auf Klick-Dingsisch mit dem Alien auch über weite Entfernungen unterhält. Wale können das schließlich auch. Warum nicht Wendy und Xeno? Keine Ahnung, warum Wendys Kla-Klicki-Kluck-Mund jedes Mal den ganzen Bildschirm beim Klick-Dingsen einnehmen muss. Das muss so ein künstlerischer Akt der Filmschaffenden sein, den ich Dummkopf nicht verstehe.
Da unser niedlicher Xenomorph Wendy als einzige Bezugsperson hat, und Xenomorphen Schwarmwesen sind, ist es zumindest nachvollziehbar, dass er in Wendy eine Ersatzmutter sieht und somit jeden Befehl von ihr ausführt. Spannender oder gar unheimlicher wird der Xenomorph dadurch leider nicht, auch weil er im hellen Dschungel irgendwie verloren wirkt (ein Alien ist eben doch kein Predator).

Trotzdem kommen auch Zuseher, die richtig Blut sehen wollen, auf ihre Kosten. Der erste Xenomorph, der mit dem Raumschiff abgestürzt ist, richtet beispielsweise unter den Konzernsoldaten, die zur Rettung eilen, und den Überlebenden im Tower ein übles Gemetzel an, bevor Wendy ihn ganz alleine aufhält. Mann! Hätte nur Newt (Aliens – Die Rückkehr), die ungefähr im selben Alter sein dürfte, auch so einen schönen Hybriden-Körper gehabt. Wie weggeblasen wären ihre Ängste gewesen, und wir Zuseher hätten uns die total langweilige, überhaupt nicht packende Szene, wie Ripley Newt am Ende rettet und dabei auf die Alien-Queen trifft, ersparen können.
So spannend ist übrigens die ganze Serie. Man lasse alles weg, das ein bisschen Nervenkitzel auslösen könnte, dann hat man Alien: Earth.
Kommen wir zu Glubschi, den ich oben angesprochen habe. Dieses Auge auf Tentakeln hat die unfreundliche Eigenart, sich in das Auge seines Opfers hineinzuarbeiten, um dann den Körper zu übernehmen. Meist ist Glubschi in einem Schaf, das dann böse und unheimlich schaut und sein Umfeld beobachtet. Und tatsächlich ist dieses Schaf, die interessanteste Figur der Serie.
Wo bleibt das Payoff?
Eigentlich ist Glubschi eine gute neue Idee. Wie der Xenomorph ist dieses Wesen mit einer höheren Intelligenz ausgestattet. Das besessene Schaf wirkt zudem bedrohlicher als der Xenomorph. Ein Schaf! Wir reden von einem Schaf … Doch aus diesem etwas anderen Schaf wird nicht besonders viel gemacht. Erst zum Schluss wird das Augenwesen noch mal als Cliffhanger benutzt, dann ist die Staffel auch schon vorbei.
Genauso verhält es sich mit dem Pflanzenwesen. Die ganze Zeit über hängt es herum, wir ahnen, dass es gefährlich ist, doch erst am Ende der Staffel tritt es einmal in Aktion. Dann aber richtig! Das sieht gut aus, ist aber zu wenig.
Dass die Psyche der Kinder durch die Transplantation oder Konfrontation mit tödlichen Aliens schwer in Mitleidenschaft gezogen werden kann, wird zwar angedeutet, weil eine der Hybriden plötzlich denkt, sie wäre schwanger – selbige tötet dann am Ende auch den ein oder anderen Konzernsoldaten –, aber Konsequenzen erwachsen daraus nicht.
Boy Kavalier, der dummgrinsende Peter Pan-Verschnitt, der angeblich der intelligenteste Mensch der Welt ist, stellt seine intellektuelle Überlegenheit nicht ein einziges Mal unter Beweis (oder ich hab‘s verpennt). Im Gegenteil. Gerade zum Ende hin benimmt er sich selten dämlich.
Fazit
Welches Schlafmittel Alien: Earth in Wahrheit ist, habe ich erst gemerkt, als ich versucht habe, die Serie für diese Rezension ein zweites Mal anzusehen. Ich habe es nicht mehr geschafft, habe den zweiten Durchlauf nach zwei Episoden abgebrochen, weil mir ständig die Augen zugefallen sind. Die Serie ist ein Schlafmittel, das Valium Konkurrenz macht.
Zu belanglos sind Handlung und Figuren. Oft benehmen sich die Figuren unglaublich dumm, z. B., wenn man eine offene, nicht einsehbare Trinkflasche neben einen offenen Alien-Behälter stellt und nicht mitbekommt, wie ein außerirdisches Insekt Ableger in die Trinkflasche sprüht.
Im Großen und Ganzen wird der Zuschauer auf die zweite Staffel vertröstet. Aber dann geht es erst richtig los, verspricht Boy Kavaliers Grinsen! Grins nur, aber ohne mich! Ja, es gibt schlimmere Serien, besonders bei Disney. Aber das Gebotene war, trotz mancher gut gemachten Szenen oder Kulissen, zu wenig für mich. Und im Gegensatz zu anderen Rezensenten, die meinten, dass zumindest die ersten beiden Folgen interessant wären, ist bei mir der Funke überhaupt übergesprungen …
Hier spricht Schnitzenbaumer, der einzige Wachgebliebene der Serie. Ende der Rezi und Gähn!
Alien: Earth kann auf Disney+ gestreamt werden.
Originaltitel: Alien: Earth. Science-Fiction, Horror. USA 2025. 8 Folgen, ca. 460 Minuten. Regie: u. a. Dana Gonzales, Noah Hawley. Drehbuch: u. a. Noah Hawley. FSK 16
Bildquelle: ©The Walt Disney Company Germany GmbH
